«Güte kommt zurück. Immer. Nur nicht sofort.» — murmelte der Alte, fast wie zu sich selbst

Kleine Güte entfacht überraschend tröstliche, kraftvolle Hoffnung.
Geschichten

Es war einer dieser unscheinbaren, grauen Abende, an denen alles gleich aussieht. Ein kalter Wind fegte durch die Straßen, feiner Regen lag in der Luft, und in den Schaufenstern der Geschäfte brachen sich die grellen Farben der Neonlichter. An einem Zebrastreifen stand ein Jugendlicher, Kopfhörer in den Ohren, den Blick ins Leere gerichtet. Seine Gedanken kreisten um die Schule, um endlose, eintönige Unterrichtsstunden und um Träume, die noch weit entfernt schienen.

Plötzlich durchbrach ein dumpfes Geräusch die monotone Geräuschkulisse.

Unweit der Bushaltestelle war ein älterer Mann auf dem Gehweg gestürzt. Seine Tasche war ihm entglitten, Brot, Obst und andere Einkäufe rollten über den nassen Asphalt. Passanten gingen vorbei: Manche warfen einen flüchtigen Blick, andere sahen demonstrativ weg. Nur der Junge blieb stehen. Er zog sich die Kopfhörer ab, trat näher und half dem Mann vorsichtig auf.

„Langsam … geht es Ihnen gut?“

„Ach, mein Junge … ich bin ausgerutscht“, keuchte der Alte und rang nach Luft. „Schon gut, es ist nichts weiter.“

Gemeinsam sammelten sie die verstreuten Lebensmittel ein. Der Junge setzte den Mann auf eine Bank und reichte ihm eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Der Alte lächelte dankbar.

„Danke dir“, sagte er leise. „Heutzutage bleiben nicht viele einfach stehen, um zu helfen.“

Der Junge wollte schon weitergehen, doch er bestand darauf, dass der Mann noch einen Moment blieb und auf den Bus wartete. Der Alte nickte gerührt und murmelte, fast wie zu sich selbst:
„Güte kommt zurück. Immer. Nur nicht sofort.“

Der Junge schenkte diesen Worten keine besondere Beachtung. Er hatte geholfen – und vergaß es wieder. Ein gewöhnlicher Abend, eine scheinbar kleine Tat.

Eine Woche verging.

Die Kälte wurde stärker, erste Schneeflocken fielen. Auf dem Heimweg von der Schule entdeckte der Junge am Eingang des Wohnhauses eine vertraute Gestalt. Der alte Mann stand dort, auf einen Stock gestützt, neben sich einen kleinen Koffer aus Leder.

„Hallo“, sagte er mit einem sanften Lächeln. „Ich habe auf dich gewartet.“

Verlegen fragte der Junge:
„Geht es Ihnen gut? Warum sind Sie hier?“

„Ich wollte meine Schuld begleichen“, antwortete der Alte ruhig. „Aber nicht mit Geld.“

Er stellte den Koffer ab. Er wirkte schwer, abgenutzt, mit Metallkanten an den Ecken.

„Nimm ihn. Er gehört jetzt dir.“

„Das kann ich doch nicht …“, begann der Junge, doch der Mann unterbrach ihn.

„Doch, kannst du. Darin ist etwas, das dir eines Tages nützlich sein wird, wenn du älter bist.“

Ohne weitere Erklärung drehte er sich um und verschwand langsam im fallenden Schnee.

Der Junge blieb ratlos zurück. Schließlich trug er den Koffer nach Hause und stellte ihn auf den Tisch. Im Inneren fand er alte Bücher, eine Karte von Europa, einen sorgfältig gefalteten Militärmantel und einen Brief.

Auf dem vergilbten Papier stand geschrieben:
„Auch mir hat einst jemand geholfen, so wie du mir geholfen hast. Damals war ich überzeugt, dass es keine Güte mehr auf dieser Welt gibt. Doch sie existiert – solange wenigstens ein Mensch nicht vorbeigeht. Dieser Koffer gehörte meinem Sohn. Nun soll er dir dienen.“

Der Junge saß lange da, las immer wieder und konnte kaum glauben, was er sah. Ganz unten lag eine kleine Schachtel. Darin befand sich eine Uhr, die genau an dem Tag stehen geblieben war, an dem er dem alten Mann geholfen hatte.

Er erfuhr nie, wer dieser Mann gewesen war, woher er kam oder wohin er gegangen ist. Doch eines verstand er seitdem: Jede Handlung setzt eine Kette in Bewegung, die zu einem zurückführt. Manchmal nach einer Woche, manchmal erst nach einem ganzen Leben.

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