«Danke für das Geschenk, Mama. Aber ich nehme es nicht an.» — legte die Schlüssel vor sie und wies das Angebot vor versammeltem Saal zurück

Bewegend: Würde triumphiert über gekünstelten Wohlstand.
Geschichten

„Jonas Keller, mein Junge, komm bitte nach vorn“, sagte Ingrid Baum und nahm dem Hochzeitsmoderator kurzerhand das Mikrofon aus der Hand.

Lena Hartwig saß reglos am Tisch und spürte, wie ihr die Fingerspitzen taub wurden. Den ganzen Abend über hatte ihre Schwiegermutter sie mit einem Blick gemustert, als prüfe sie eine mangelhafte Ware. Schon beim Empfang der Gäste hatte Ingrid Baum ihren Freundinnen halblaut zugeraunt: „Was soll man machen, der Junge hat sich eben in ein Mädchen aus dem Wohnheim verliebt.“ Als später die Vorspeisen serviert wurden, schob sie demonstrativ den Teller beiseite. „Keine Ahnung, wo das bestellt wurde, aber so etwas esse ich nicht.“

Unter dem Tisch drückte Jonas jedes Mal beruhigend Lenas Hand. Er sagte nichts. Sie wusste, dass er verzweifelt versuchte, den Abend nicht völlig entgleisen zu lassen.

„Ich habe beschlossen, dem jungen Paar ein Geschenk zu machen“, verkündete Ingrid Baum und zog aus ihrer Handtasche einen Schlüsselbund mit einem auffällig glänzenden Markenanhänger. „Jonas, hier bitte. Das Auto steht draußen am Eingang. Businessklasse. Die Papiere laufen ausschließlich auf deinen Namen.“

Sie legte die Schlüssel vor ihren Sohn und wandte sich dann mit erhobenem Kinn an den Saal.

„Nur auf meinen Sohn. Denn ich bin nicht naiv und weiß, wie Ehen heutzutage laufen. Heute große Gefühle, morgen die Scheidung. Und diese mittellose Provinzlerin aus dem Mietzimmer soll sich eines merken: Die Wohnung gehört mir, das Auto gehört mir, und sie bekommt nichts davon, falls es einmal so weit kommt.“

Am Tisch der Bräutigamsfamilie lachte jemand spöttisch auf. Lenas Verwandte saßen da, als wären sie kleiner geworden.

„Mama, was soll das?“, fragte Jonas bleich.

„Was denn? Ich sage nur die Wahrheit. Jeder sollte seinen Platz kennen.“

Lena zerknüllte die Serviette in ihrer Faust, bis das Papier riss. Sie wollte aufstehen, wollte gehen. Doch stattdessen erhob sich ihr Vater.

Karl Heinemann stand langsam auf und ging nach vorn. Ingrid Baum blickte von oben auf ihn herab – hohe Absätze hier, schlichte Schuhe dort.

„Geben Sie mir bitte das Mikrofon“, sagte er ruhig.

„Wozu denn?“, fragte sie kühl und machte keine Anstalten.

„Bitte.“

Mit einem süffisanten Lächeln reichte sie es ihm.

Karl Heinemann ließ den Blick durch den Saal schweifen, dann sah er seine Tochter an.

„Ich arbeite mein ganzes Leben auf Baustellen“, begann er. „Ich errichte Häuser für andere Menschen. Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich angefangen, ein Haus für mich selbst zu bauen. Am Stadtrand. Stein für Stein. In jeder freien Minute.“

Kein Laut war im Raum zu hören.

„Das Dach habe ich selbst gedeckt, die Fenster eingesetzt. Ich dachte immer, es wäre für die ganze Familie. Und heute habe ich verstanden, dass es Zeit ist, es weiterzugeben.“

Er zog einen Umschlag aus der Jackentasche.

„Hier sind die Unterlagen. Das Haus ist auf Lena überschrieben. Komplett. Damit es niemals jemand wagt zu behaupten, meine Tochter hätte kein Dach über dem Kopf. Vielleicht besitze ich kein Auto für drei Millionen Euro. Aber eines weiß ich sicher: Meine Tochter ist ehrlich, fleißig, und wenn jemand sie eine Provinzlerin nennt, dann sagt das nichts über sie aus, sondern alles über denjenigen, der so spricht.“

Er gab das Mikrofon zurück und ging an seinen Platz. Zuerst klatschten Lenas Angehörige, dann erhob sich Applaus im ganzen Saal.

Ingrid Baum stand starr an ihrem Tisch, das Gesicht verzerrt.

Jonas sah seine Mutter an. Dann die Schlüssel. Er erhob sich, nahm sie auf und trat zu Ingrid Baum.

„Danke für das Geschenk, Mama. Aber ich nehme es nicht an.“

Er legte die Schlüssel vor sie.

„Bist du verrückt geworden?“, zischte sie. „Weißt du überhaupt, was das kostet?“

„Ja. Aber ich will kein Auto fahren, das mir unter Bedingungen geschenkt wurde. Das war kein Geschenk, sondern eine Demütigung – für meine Frau, vor allen Leuten.“

„Ich habe doch nur an dich gedacht!“

„Wovor wolltest du mich schützen? Vor der Frau, die ich liebe? Vor ihrem Vater, der fünfundzwanzig Jahre lang ein Haus gebaut hat? Du hast mir mein Leben lang beigebracht, dass Geld das Wichtigste ist. Heute habe ich begriffen, dass es wichtiger ist, Menschen nicht zu erniedrigen. Das habe ich heute Abend von Karl Heinemann gelernt.“

Jonas holte tief Luft, richtete sich auf und wandte sich langsam dem Saal zu, bereit, das Wort an die versammelten Gäste zu richten.

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