«Vergebt ihr» — flüstert Jonas und legt das letzte Andenken seiner Mutter unter den Grabstein von Mira

Grausam, trostlos und trotzdem zutiefst berührend.
Geschichten

Die Tante bemerkte seine gedrückte Stimmung und schlug eines Nachmittags vor, er könne doch hinausgehen und die Jungen aus der Gegend kennenlernen. Der Versuch endete unerquicklich: Der kräftigste von ihnen stellte sich ihm in den Weg und verlangte Jonas’ Handy „nur für fünf Minuten“. Als Jonas sich weigerte, griff der andere ohne Zögern danach und wollte es ihm entreißen. Danach hatte Jonas endgültig genug von neuen Bekanntschaften und schwor sich, niemandem mehr zu trauen.

„Ganz der Einzelgänger – wie dein Vater früher“, knurrte Katharina Vogt, als sie seine aufgeschlagene, blutige Kniehaut bemerkte. „Der hatte auch ständig Streit mit irgendwem.“

„Ich bin nicht asozial!“, fuhr Jonas auf. „Der hat sich danebenbenommen!“

„Ach ja? Und du warst ein Engel?“ Sie schnaubte verächtlich. „Ein Telefon ist nur Metall und Plastik. Man muss lernen, zu teilen. Geh hin und entschuldige dich.“

„Das mache ich nicht!“

„Ich habe gesagt: Du entschuldigst dich!“

Diesmal weinte er nicht. Stattdessen kochte etwas Heißes, Brennendes in ihm hoch – reine, ungefilterte Wut. In diesem Moment begriff er, warum diese Frau allein lebte. Wer sollte so jemanden lieben? Nicht einmal eine Katze hielt es offenbar bei ihr aus. Jonas ballte die Faust um das kleine Kreuz in seiner Hosentasche. Fast augenblicklich legte sich die innere Unruhe, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Am selben Abend überraschte ihn die Tante mit ungewohnten Worten:
„Die Bücher unten im Wohnzimmer kannst du nehmen. Vielleicht ist da ja etwas dabei, das spannender ist als deine Comics.“

Schon lange hatte Jonas den alten Bücherschrank aus dunklem Holz im Blick, sich aber nie getraut, ihn zu berühren. Einmal hatte er nach einem ledergebundenen Band mit goldener Prägung gegriffen, und Katharina Vogt war derart laut geworden, dass er vor Schreck wie versteinert stehen blieb. Jetzt jedoch, mit ausdrücklicher Erlaubnis, stürzte er sich begeistert auf die Regale. Zwischen dicken Wälzern entdeckte er ein schmales, abgegriffenes Buch: Der Löwe, die Hexe und der Kleiderschrank.

Er las es an einem einzigen Abend. Die Welt von Narnia sog ihn vollständig auf, und zum ersten Mal seit vielen Monaten war kein Platz mehr in ihm für Traurigkeit oder Tränen.

„Tante Katharina, gibt es davon noch mehr?“, fragte er am nächsten Morgen hoffnungsvoll.

Sie musterte den Einband flüchtig.
„Müsste es geben.“

„Und wo stehen die? In welchem Regal?“

„Hab ich nicht“, schnitt sie ihm das Wort ab.

Jonas seufzte tief.

„Hör auf zu schnaufen wie eine Dampflok“, tadelte sie. „Nimm ein anderes Buch.“

Er wollte nicht weiter bitten und griff daher zu Die drei Musketiere. Doch die Geschichte packte ihn kaum. Nach ein paar Seiten legte er das Buch weg und ging nach draußen.

Dort erwartete ihn eine unerwartete Begegnung. Auf der Veranda lag, zu einer Kugel zusammengerollt, ein riesiger, vom Leben gezeichneter Kater. Ein Auge war von einem milchigen Schleier bedeckt, das Fell verfilzt, ein Ohr zerfetzt. Trotzdem lag in seiner Haltung so viel Würde, dass Jonas sich augenblicklich zu ihm hingezogen fühlte. Vorsichtig streckte er die Hand aus. Der Kater kniff sein gesundes Auge zusammen, ließ sich gnädig streicheln und antwortete mit einem rauen, knarrenden Schnurren.

„Hast du Hunger?“, flüsterte Jonas.

Zur Antwort stupste die feuchte Nase des Tieres gegen seine Handfläche.

„Warte, ich bring dir etwas.“

Also musste er doch zur Tante gehen.

„Darf ich ein bisschen Milch haben? Oder ein Stück Wurst?“

„Wofür denn?“ Katharina Vogt sah ihn misstrauisch an.

„Für den Kater draußen. Er ist ganz mager.“

Ohne ein Wort trat sie hinaus, erblickte das Tier und verzog das Gesicht.
„Ein streunender Dreckskerl. Voller Krankheiten. Am Ende hat er noch Tollwut! Hau ab!“ Sie machte eine scharfe Bewegung mit dem Fuß, traf ihn zwar nicht, aber die Absicht war eindeutig. Der Kater fauchte leise und zog sich langsam, mit erhobenem Kopf, ins Gebüsch zurück.

Jonas begriff, dass er künftig heimlich vorgehen musste. Beim nächsten Mal schmuggelte er ein Stück gekochtes Huhn aus seinem Abendessen hinaus. Der Kater verschlang es gierig und ließ sich danach hinter dem heil gebliebenen Ohr kraulen.

„Ich nenne dich Otto“, beschloss Jonas.

Von da an hatte er einen Freund. Stundenlang saß er mit ihm auf dem alten Baumstumpf hinter dem Garten, erzählte von Büchern, sprach über seine Ängste und Hoffnungen und fragte den Kater, wie man wohl den Vater überzeugen könnte, Otto mit in die Stadt zu nehmen. Er war vorsichtig – und tatsächlich erwischte die Tante ihn kein einziges Mal.

Etwa zwei Wochen später, als Jonas erneut im Regal nach Lesestoff suchte, entdeckte er plötzlich einen ganzen Stapel Bücher von C. S. Lewis: Prinz Kaspian, Die Reise auf der Morgenröte und andere. Vor Freude hätte er beinahe einen Sprung gemacht.

„Tante! Das sind ja die Fortsetzungen!“, rief er und stürmte mit den Büchern in die Küche.

Katharina Vogt zuckte mit den Schultern, während sie Marmelade im großen Topf umrührte.
„Na ja. Du wolltest sie doch. Hab sie per Post bestellt, gestern sind sie angekommen.“

Außer sich vor Glück lief Jonas zu ihr, umarmte sie um die Taille und drückte die Wange gegen ihre harte Leinenschürze.
„Danke! Du bist die Beste!“

Sie erstarrte, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen. Dann befreite sie sich ruckartig aus seiner Umarmung und wich zurück, als stünde sie vor einer Flamme. Ihr Gesicht wurde hart wie Stein.
„Nicht anfassen. Geh lesen.“

Sie blieb ihm ein Rätsel.

Versunken in die neuen Bücher vergaß Jonas Otto für ein, zwei Tage. Erst als ein kalter, anhaltender Regen einsetzte, fiel es ihm wieder ein. Der arme Otto, dachte er bekümmert. Der wird ja völlig durchnässt und krank. Kaum hatte er das gedacht, ertönte von der Veranda ein klägliches, langgezogenes Miauen.

„Tante Katharina, dürfen wir ihn reinlassen? Wenigstens in den Flur? Bitte! Er wird sonst krank!“

Er rechnete schon mit einem wütenden Nein. Doch sie seufzte schwer, ohne ihn anzusehen.
„Na gut. Aber pass auf, dass er nirgendwo herumklettert. Und heul mir nicht die Ohren voll, wenn er verreckt.“

Ein Schauder lief Jonas über den Rücken. Diese Worte klangen wie eine düstere Vorahnung. Doch die Tür stand offen. Otto, bis auf die Haut durchnässt, schlüpfte hinein und rollte sich sofort auf dem alten Läufer zusammen.

Von da an lebte der Kater im Haus – geduldet, aber nie offen willkommen. Er benahm sich erstaunlich manierlich: sprang nicht auf den Tisch, zerkratzte nichts und lag meist entweder zu Jonas’ Füßen oder am warmen Ofen. Jonas fiel noch etwas auf: Es gab nun nur noch Kartoffelpasteten. Keine Eier mehr.

Die Tante murrte, warf dem Kater böse Blicke zu, doch Jonas schwebte im siebten Himmel. Und eines Tages wurde er Zeuge einer merkwürdigen Szene: Katharina Vogt, überzeugt davon, unbeobachtet zu sein, brach ein Stück Wurst von ihrem Brot ab, warf es Otto zu und murmelte leise: „Na los, alter Fresser, iss.“

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