Es ging nie um andere Frauen. Es ging ausschließlich um ihn.
Um dieses Loch in ihm, das er verzweifelt mit fremden Emotionen stopfte – mit Nähe, mit Körpern, mit geliehenen Leben. Doch diese Leere kannte kein Maß. Sie wurde nicht kleiner. Sie fraß. Einen Menschen nach dem anderen.
Ich löschte seine Nachricht. Ohne zu antworten.
Weitere zwei Monate vergingen.
Irgendwann waren auch die letzten Unterlagen unterschrieben. Der Scheidungsbeschluss lag vor mir. Kein Vielleicht mehr, kein Zurück. Auf dem Papier war ich nun offiziell allein.
Eine Freundin organisierte eine Feier. „Befreiungstag“, nannte sie es pathetisch. Sie lud ein paar gemeinsame Bekannte ein. Es gab Sekt, laute Musik, Gelächter, Gläser, die aneinanderstießen.
Ich jedoch stand auf dem Balkon und blickte hinunter auf die Stadt. Erleuchtete Fenster, unzählige davon. Hinter jedem ein eigenes Schicksal. Dort verliebt sich gerade jemand. Dort endet etwas. Irgendwo weint jemand, ein paar Straßen weiter lacht jemand. Das Leben bewegte sich weiter. Mit dir. Oder ohne dich.
„Na, freie Frau“, sagte meine Freundin und legte mir den Arm um die Schultern. „Und? Wie fühlt es sich an?“
„Seltsam“, gab ich zu. „Als wäre ich… nicht mehr ganz ich. Oder als hätte man mich neu zusammengesetzt. Beides gleichzeitig.“
„Das legt sich“, meinte sie überzeugt.
Tat es aber nicht. Dieses Fremdheitsgefühl blieb. Es nistete sich tief ein, wie ein Splitter, den man nicht greifen konnte.
Ich wachte nachts auf und hörte der Stille zu. Einer Wohnung, die nur mir gehörte. Einem Bett, das leer blieb.
Und mir wurde klar: Alleinsein hatte ich gelernt. Gemeinsamsein nicht mehr.
Eines Tages sah ich ihn zufällig im Supermarkt. Er stand vor dem Regal mit Babynahrung. Neben ihm eine blonde Frau. Schwanger.
Sie lachten. Er hielt ihre Hand. Ich befand mich eine Reihe weiter, hinter Nudeln und Konserven, und beobachtete sie.
Mir kam nur ein Gedanke: Da ist sie. Die Nächste. Diejenige, die glaubt. Die wartet. Die abends kocht. Die jede Ausrede über Überstunden schluckt.
Bis sie ihn eines Tages zufällig irgendwo entdeckt. In einem Café. Mit einer anderen. Und der Kreis sich schließt.
Ich legte eine Packung Spaghetti in meinen Wagen und ging. Ohne mich umzudrehen.
Inzwischen ist ein Jahr vergangen.
Ich lebe allein. In einem Schlafzimmer mit blauen Wänden. Dienstags gehe ich schwimmen.
Es gibt keinen Mann in meinem Leben.
Meine Freundin sagt, das sei nur eine Phase. Dass Zeit alles heilt. Dass mir noch jemand begegnen wird, der es ernst meint.
Aber ich suche nicht. Weil ich verstanden habe: Ich habe verlernt, richtig zu lieben. Beziehungen zu bauen. Zu vertrauen.
Er hat etwas Wesentliches in mir beschädigt. Einen inneren Mechanismus. Zuständig für Nähe. Für Glauben an einen anderen Menschen.
Jetzt ist dort nichts mehr.
Manchmal schreiben mir Männer. Kollegen. Bekannte von Bekannten. Sie laden mich auf Kaffee ein, ins Kino, spazieren. Ich sage ab. Höflich. Aus Angst.
Angst, wieder zu glauben. Wieder offen zu sein. Wieder verletzlich.
Angst, dass sich alles wiederholt. Und ich es beim nächsten Mal nicht überstehe.
Vor Kurzem stieß ich zufällig auf sein Profil in den sozialen Netzwerken.
Er hat einen Sohn bekommen.
Bilder einer perfekten Familie. Er mit Kinderwagen. Sie – dieselbe Blonde. Strahlende Gesichter. Glück. Liebe. Tausende Likes. Kommentare: „Was für ein schönes Paar!“, „Herzlichen Glückwunsch!“, „Ihr seid füreinander gemacht!“
Ich schloss die Seite und fragte mich: Weiß sie es? Die Neue? Weiß sie, wozu er fähig ist? Oder glaubt sie noch an das Märchen? Wahrscheinlich glaubt sie.
Und dann…
Dann werden wir so wie ich.
Allein.
Verschlossen. Misstrauisch.
Mit einer Leere im Inneren, die sich durch nichts mehr füllen lässt.
Ich habe gelernt, mit dieser Leere zu leben. Denn das ist immer noch besser, als sich erneut täuschen zu lassen.
Und wieder zu verlieren.
