— Vielen Dank für die Glückwünsche, ehrlich gesagt kam das Angebot selbst für mich unerwartet.
Brigitte Neumann ließ jedoch nicht locker. Kaum hatte Katharina den Satz beendet, beugte sich ihre Schwiegermutter mit verschwörerischem Funkeln näher heran.
— Sag mal, wenn du jetzt schon so eine bedeutende Stellung innehast … — begann sie gedehnt, — könntest du uns da nicht auch ein wenig unter die Arme greifen? So mit einem Abschluss?
— Mit einem Abschluss? — Katharina runzelte die Stirn. — Wie meinst du das?
— Na, hör doch zu, — fuhr Brigitte, nun deutlich erregter fort. — Mein Florian Vogt hat es nie geschafft, sein Studium zu Ende zu bringen. Eine Prüfung nach der anderen ist er durchgefallen. Und jetzt bist du Dekanin! Du könntest ihm doch einfach ein Diplom besorgen.
Katharina starrte sie an, als hätte sie sich verhört.
— „Besorgen“? — wiederholte sie langsam. — Was soll das heißen?
— Genau das, was ich sage! — Brigitte hob entschlossen das Kinn. — Ein echtes Diplom, kein billiger Zettel. Und selbstverständlich mit Bestnote. So ein richtiges, rotes!
Katharinas Geduld war schlagartig am Ende.
— Hör bitte auf, Brigitte, — sagte sie scharf und schüttelte den Kopf. — Glaubst du ernsthaft, ein Hochschulabschluss sei vergleichbar mit einer Meldebescheinigung? Formular ausfüllen, Stempel drauf, fertig? Wie stellst du dir vor, dass ich jemandem ein Diplom ausstelle, der nicht einmal an unserer Universität eingeschrieben ist?
— Dann schreib ihn eben ein, — entgegnete Brigitte mit gespielter Naivität. — Für dich ist das doch ein Kinderspiel.
— Wir drehen uns im Kreis! — Katharina hob die Stimme. — Ich kann deinen Sohn nicht in einen Hörsaal zerren und ihn zwingen zu lernen. Er muss sich regulär bewerben, Prüfungen ablegen, die nötigen Leistungen erbringen und fünf Jahre lang Kurse und Seminare besuchen. Erst nach der Verteidigung seiner Abschlussarbeit bekommt er das, was du so locker „Papier“ nennst.
— Du willst mir einfach nicht helfen! — explodierte Brigitte. — Du könntest es, aber du genießt es, mich vorzuführen! Ich habe es immer gesagt: Sebastian Kern hat einen Fehler gemacht, dich zu heiraten! So viele Jahre lebt ihr zusammen, und trotzdem bist du mir fremd geblieben! Verschluck dich an deinem Amt! Hältst dich wohl für etwas Besseres!
Nach diesem Wortgefecht war das Band zwischen Katharina und Brigitte endgültig zerrissen. Von da an gingen sich beide konsequent aus dem Weg. Katharina begleitete ihren Mann nicht mehr zu Besuchen, nahm keine Anrufe mehr entgegen, und Brigitte zeigte ebenfalls keinerlei Bereitschaft zur Versöhnung. Kontakt hielt sie einzig noch zu ihrem ältesten Sohn.
Eines Abends kam Katharina erschöpft von der Arbeit nach Hause. Kaum hatte sie die Wohnung betreten, drang Brigittes schneidende Stimme aus der Küche.
— Du hast jeglichen Rückgrat verloren, Sebastian! — fauchte sie. — Seit wann lässt du dir von einer Frau vorschreiben, was du zu tun hast? Hat dein Vater dich so erzogen?
— Mutter, es geht nicht ums Vorschreiben, — antwortete Sebastian ruhig. — Katharina und ich sind seit Jahren verheiratet, wir haben ein Kind und einen eigenen Haushalt. Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Auch finanziell. Ich kann dir nicht einfach dreihunderttausend Euro geben. Das ist unser Geld. Und ehrlich gesagt bin ich es leid, ständig die Launen meines jüngeren Bruders zu bezahlen. Heute willst du dreihunderttausend, in ein paar Monaten eine halbe Million und danach noch mehr. Findest du das wirklich normal?
— Natürlich bist du verpflichtet! — erklärte Brigitte kalt. — Ich habe dich großgezogen, also schuldest du mir etwas bis an mein Lebensende! Oder bist du etwa neidisch auf deinen Bruder?
In diesem Moment trat Katharina entschlossen in die Küche.
— Guten Abend, Brigitte Neumann. — Ihre Stimme war kühl. — Sind Sie wieder wegen Geld hier? Träumt Florian Vogt erneut von einer großen Karriere? Von unserem gemeinsamen Konto bekommen Sie keinen Cent mehr. Suchen Sie sich eine andere Geldquelle. Und die zwanzigtausend Euro können Sie ebenfalls abschreiben. Wir haben wichtigere Ausgaben.
— Ich werde dich aus dieser Wohnung jagen! — zischte Brigitte beim Hinausgehen. — Die Wohnung wurde mit dem Geld meines Mannes gekauft. Wir sehen uns vor Gericht, und dann setze ich euch alle vor die Tür! Wenn ihr nicht freiwillig geht, dann eben mit Gewalt!
Sebastian schloss hinter seiner Mutter die Tür und wandte sich dann zu Katharina.
— So kann es nicht weitergehen, — sagte er leise. — Meine Mutter und Florian haben uns viel zu lange ausgenutzt. Du hast recht: keinen Euro mehr. Wenn sie ein besseres Leben will, soll sie Florian arbeiten schicken. Von mir bekommen sie nichts mehr.
Drei Tage später stand Brigitte erneut vor der Tür und forderte Geld. Doch niemand öffnete. Bis spät in die Nacht klingelte sie ununterbrochen, doch das Telefon blieb stumm. Katharina und Sebastian entschieden sich bewusst zu schweigen. Die pensionierte Frau suchte verzweifelt nach anderen Wegen, um Kapital aufzutreiben und das vermeintliche „Geschäft“ ihres Lieblingssohnes anzuschieben — unfähig, Florian Vogt auch nur einmal etwas zu verweigern.
