— …der dritten Klasse stehen geblieben, und genau deshalb, — setzte sie ohne Zögern fort. — Er schreibt voller Fehler, und selbst beim Sprechen stolpert er ständig über einfache Dinge. Suchen Sie ihm einen anderen Nachhilfelehrer, jemanden, der bereit ist, sich gegen Bezahlung damit abzumühen. Für mich ist hier Schluss. Ich dachte, ich würde Ihrer Familie einen Gefallen tun, als ich zugesagt habe zu helfen, aber inzwischen ist mir klar, dass das ein Irrtum war.
Während das Verhältnis zur Schwiegermutter sich rasch in eine Abfolge endloser Wortgefechte verwandelt hatte, gestaltete sich der Umgang mit dem Schwiegervater völlig anders. Heinrich Baumann war ein strenger, dabei jedoch besonnener Mann, einer von jener Sorte, die es verstand, seine Frau zu bremsen, bevor ihre Ausbrüche größeren Schaden anrichteten. Als er von der Auseinandersetzung zwischen Katharina und Brigitte Neumann erfuhr, suchte er das Gespräch persönlich.
— Nimm dir Brigittes Ausfälle nicht zu Herzen, — sagte er ruhig zu Katharina. — Sie hat seit Jahren eine fixe Idee, wenn es um Florian geht. Als Kind war er schwer krank, wir haben ihn damals beinahe verloren. Frag Sebastian, wenn du willst, er kann dir das bestätigen. Seitdem behandelt sie ihn wie ein zerbrechliches Porzellanfigürchen: ständige Angst, übertriebener Schutz, jedes Verlangen wird sofort erfüllt. Ich habe ihr unzählige Male erklärt, dass das falsch ist. Ein Mann muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung zu tragen — zuerst für die Frau an seiner Seite, später für seine Kinder. Welche Verantwortung kann jemand übernehmen, der nicht einmal für seine eigenen Taten geradesteht?
Solange Heinrich Baumann lebte, hielt sich Brigitte Neumann mit ihren Angriffen sowohl Katharina als auch Sebastian gegenüber einigermaßen zurück. Sebastians Vater war ein Mann mit einer stabilen, gut bezahlten Laufbahn gewesen, bereits in den Jahren der Bundesrepublik vor den großen Umbrüchen, und hatte im Laufe der Zeit ein beträchtliches Vermögen angespart. Sein plötzlicher Tod im Alter von zweiundsiebzig Jahren veränderte jedoch das gesamte familiäre Gefüge schlagartig. Kurz darauf stellte Brigitte eine unmissverständliche Forderung: Der ältere Sohn sollte seinen Anteil am Haus und an der Wohnung zu ihren Gunsten abtreten.
— Dein Vater hat dir doch längst ein eigenes Zuhause verschafft, — beharrte sie. — Warum sollte ich die Wohnung mit dir teilen? Ich will, dass sie ausschließlich mir gehört. Das ist nur gerecht: Du hast ein Dach über dem Kopf, ich werde ebenfalls eines haben, und das Haus lasse ich Florian.
Sebastian widersprach nicht. Ohne Streit akzeptierte er die Bedingungen seiner Mutter und unterschrieb die entsprechenden Unterlagen. Nach dem Tod des Vaters kostete Florian zum ersten Mal das Gefühl völliger Freiheit. Niemand drängte ihn mehr zum Lernen, niemand redete ihm gut zu, sich eine Arbeit zu suchen; er konnte endlich so leben, wie es ihm beliebte. Für Katharina nahm das Verhalten ihres Schwagers zunehmend Züge einer bekannten literarischen Figur an: Ganz wie Adrian Keller schien Florian unzählige „fast legale“ Wege zu kennen, um seiner eigenen Mutter Geld aus der Tasche zu ziehen.
Jede neue Idee Florians wurde von Brigitte Neumann mit überschäumender Begeisterung aufgenommen. Sie war fest davon überzeugt, dass ihr Jüngster eines Tages reich und berühmt sein würde. Florian war dreiundzwanzig gewesen, als sein Vater starb, und mit vierundzwanzig verkündete er, er wolle ein eigenes Geschäft aufziehen. Die Nachricht erreichte Sebastian in verschwörerischem Tonfall.
— Sag Katharina nichts davon, — mahnte Brigitte. — Sie hat so eine Art, Dinge zu verderben. Florian hat sich entschieden, Unternehmer zu werden. Er will Hunde züchten.
— Hunde? — Sebastian war sprachlos. — Mama, bist du sicher, dass er weiß, worauf er sich einlässt?
— Natürlich! — fuhr sie ihn an. — Das ist ein äußerst lukratives Geschäft. Eine Bekannte von mir züchtet Rassekatzen und verkauft die Jungen für Unsummen. Sie hat Wartelisten über mehrere Generationen hinweg. Warum sollte Florian das nicht genauso schaffen?
— Und welche Rasse hat er sich ausgesucht?
— Ach, der Name ist mir entfallen… Sanba… Sinba…
— Bernhardiner, — erkannte Sebastian. — Sag mir ehrlich: Hast du jemals einen solchen Hund gesehen, wenigstens auf einem Foto?
— Nein, — gab sie zu. — Aber Florian hat mir erklärt, dass sie unglaublich lieb sind, sehr folgsam, leicht zu erziehen und vor allem kaum Pflege brauchen. Also genau das Richtige!
— Dann muss ich dich enttäuschen, — erwiderte Sebastian mit einem bitteren Lächeln. — Ein Bernhardiner ist ein riesiges Tier, er kann locker über hundert Kilo wiegen. Diese Rasse wurde für Bergrettungen unter extremen Bedingungen gezüchtet, und schon ein einziges Exemplar…
…ein einziges solches Tier hätte ausgereicht, um eine Wohnung in einen Haufen Splitter und Trümmer zu verwandeln — ganz zu schweigen von zwei pelzigen „Eheleuten“.
Brigitte Neumann wollte davon nichts hören und ließ ihn kaum ausreden, während sie innerlich längst beschlossen hatte, ihrem Sohn auch diesen Traum um jeden Preis zu ermöglichen.
