— Richte Katharina Lorenz aus, sie soll endlich die Finger von fremdem Geld lassen! — donnerte Brigitte Neumann, die Mutter von Sebastian Kern, ins Telefon. — Seit wann, erklär mir das bitte, stehst du unter dem Pantoffel deiner Frau? Wie konnte sie wichtiger werden als ich und als Florian Vogt? Wir brauchen Geld! Es ist mir egal, woher du es nimmst, aber in drei Tagen will ich dreihunderttausend Euro sehen. Florian eröffnet ein Geschäft, und damit basta!
In Brigittes Vorstellung war Katharina genau der Typ Frau, den sie verachtete: eine nächtliche Kuckucksdame, die das Tageslicht verdrängt, diejenige, die ihr den ältesten Sohn weggenommen hatte. Die Ehefrau von Sebastian war alles andere als bequem. Sie trat selbstbewusst auf, wusste, was sie wollte, ließ sich nichts vorschreiben und konnte ein klares „Nein“ äußern, ohne mit der Wimper zu zucken — besonders dann, wenn die Forderungen von der Schwiegermutter kamen.
Schon kurz nach der Hochzeit hatte sich Sebastian spürbar von seiner Herkunftsfamilie entfernt. Zwei Jahre lang hatte Brigitte Neumann das, was sie als Verrat empfand, nicht verziehen. Und es ging ihr längst nicht nur um ihr eigenes gekränktes Gefühl. Ihrer festen Überzeugung nach stand Sebastian unter dem Einfluss seiner „krallenbewehrten“ Ehefrau und weigerte sich deshalb, den jüngeren Bruder weiterhin finanziell zu unterstützen. Genau das brachte sie regelmäßig außer sich.
Florian war neun Jahre jünger als Sebastian. Der Erstgeborene galt als rundum gelungen: Sebastian arbeitete als leitender Ingenieur in einem renommierten Unternehmen, verdiente ausgezeichnet und lebte mit seiner Familie in einer großzügigen Dreizimmerwohnung. Auch Katharina stand ihm in nichts nach — sie hatte es bis zur Dekanin eines pädagogischen Instituts der Stadt gebracht. Gemeinsam zogen sie Elisa Kern groß, ihre Tochter, die in letzter Zeit ebenfalls begonnen hatte, sehr gut zu verdienen.
Brigittes Unzufriedenheit mit der Schwiegertochter gärte allerdings schon seit Jahren. Alles hatte unmittelbar nach der Hochzeit begonnen, als sie Katharina um eine vermeintlich kleine Gefälligkeit gebeten hatte.

— Könntest du Florian nicht beim Lernen unterstützen? Er hat vor zwei Jahren das Abitur gemacht und will jetzt studieren. Da ist bestimmt einiges hängen geblieben, meinst du nicht? Ein bisschen Nachhilfe von dir würde ihm guttun.
— Natürlich, — hatte Katharina ohne Zögern zugestimmt, weil sie keinerlei Lust auf Streit hatte. — Ich kann mit ihm arbeiten. Am Samstag und Sonntag kann er zu uns kommen, ein paar Stunden Nachhilfe lassen sich einrichten.
— Nur am Wochenende? — war Brigitte sofort dazwischengefahren. — Ich hatte erwartet, dass du dich täglich um ihn kümmerst!
— Unter der Woche ist das leider unmöglich, — hatte Katharina ruhig erklärt. — Mein Terminplan ist voll, ich gebe da bereits Unterricht. Frei bin ich nur an den Wochenendnachmittagen.
— Für die Familie bringt man eben Opfer, Liebes, — hatte die Schwiegermutter kühl entgegnet. — Ich erwarte echte Ergebnisse. Florian kommt jeden Tag. Eine Stunde pro Einheit? Wunderbar. Punkt sechs Uhr steht er bei dir vor der Tür.
— Um diese Uhrzeit bin ich bereits belegt, — hatte Katharina noch versucht, die Situation sachlich zu klären.
Die Gespräche verliefen im Kreis. Um einen offenen Krach zu vermeiden, hatte Katharina schließlich ihre fest eingeplanten Schüler abgesagt. Einen ganzen Monat lang hatte sie Florian unterrichtet, bis Erschöpfung und Frust sie an ihre Grenzen brachten. Am Ende sagte sie Sebastian unverblümt die Wahrheit.
— Sebastian, verzeih mir, aber dein Bruder ist hoffnungslos überfordert. Er beherrscht nicht einmal den Stoff der dritten Klasse. Ich habe ihn nach dem kleinen Einmaleins gefragt, und er starrte mich an, als hätte ich eine Fremdsprache gesprochen. War er auf einer Förderschule?
— Nein, ganz normal, — hatte Sebastian mit den Schultern gezuckt. — Unsere Mutter hat ihm die Noten gekauft. Florian ist zerstreut, das weiß sie selbst am besten. Dieses Jahr versucht er es zum zweiten Mal mit der Aufnahmeprüfung. Beim ersten Anlauf ist er kläglich gescheitert.
Nach drei Monaten Qual hatte Katharina die kostenlosen Nachhilfestunden endgültig beendet. Diese Entscheidung ließ Brigittes angestauten Zorn explodieren. Sie rief an und überschüttete Katharina mit all dem Gift, das sich über Jahre angesammelt hatte.
— Na, was für eine Lehrerin wir da haben! — schrie sie ins Telefon. — Wie kannst du es wagen zu behaupten, mein Sohn sei dumm? Mein Florian? Er hat ausschließlich Bestnoten, ein Vorzeigeschüler! Wenn hier jemand unfähig ist, dann bist du es, weil du den Stoff nicht erklären kannst! Ich frage mich sowieso, wer zu dir überhaupt zum Unterricht kommt. Vielleicht solltest du selbst noch einmal die Schulbank drücken!
Katharina Lorenz war nicht bereit, solche Beleidigungen hinzunehmen. Sie beschloss, endlich klare Grenzen zu ziehen, selbst wenn das einen offenen Bruch bedeutete. Ihre Antwort sollte das Verhältnis zwischen den beiden Frauen unwiderruflich verändern.
Was Katharina erwiderte, traf ein wie ein Donnerschlag. In diesem Moment spürte sie deutlich, dass sie zum ersten Mal nicht mehr gewillt war, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Sie hatte sich nicht nur verteidigt, sondern einer seit Langem schwelenden Situation ein endgültiges Ende gesetzt.
— Ihr Sohn Florian ist, was seine geistige Entwicklung betrifft, ungefähr auf dem Stand der dritten Klasse stehen geblieben, und genau deshalb…
