Ein Brief aus einer anderen Zeit
Zwischen den vergilbten Seiten des Tagebuchs stießen wir auf einen schlichten Umschlag. Darauf stand in zittriger Handschrift nur ein Satz:
„Erst nach meinem Tod öffnen.“
Der Brief darin war an uns beide gerichtet.
> Sebastian, Dorothea,
>
> mir ist bewusst, dass ich euch oft zur Last gefallen bin. Ich habe es gespürt, auch wenn ihr versucht habt, euch nichts anmerken zu lassen.
>
> Verzeiht mir.
>
> Über das Geld habe ich geschwiegen, weil ich Angst hatte, es könnte etwas zwischen uns verändern. Ich sah, wie aufrichtig ihr lebt, wie ihr arbeitet, ohne Abkürzungen. Ihr seid Menschen, denen ich vertraue.
>
> Dieses Vermögen ist kein Lohn. Es ist ein Schutz.
>
> Sebastian, durch dich habe ich gelernt, mir selbst zu vergeben. Du hast mich nie fortgeschickt, selbst in den Momenten, in denen ich mich überflüssig fühlte.
>
> Und du, Dorothea, warst das Licht meiner letzten zehn Jahre.
>
> Ich war kein guter Vater. Aber vielleicht durfte ich ein Teil eures Zuhauses sein.
>
> In Liebe
> O.
Ich legte den Brief beiseite, unfähig, sofort etwas zu sagen. Dorothea wischte sich verstohlen über die Augen.
—
Kapitel 5. Ein Neubeginn
Als wir zurückkehrten, fühlte sich alles verändert an. Dasselbe Haus, dieselben Wände – und doch lag etwas anderes in der Luft. Die leisen Schritte des alten Mannes, die es zwei Jahrzehnte lang begleitet hatten, fehlten. Die Stille war nun schwer, aber nicht leer. Sie trug Bedeutung.
Dorothea kümmerte sich um die formalen Dinge. Einen Monat später zeigte unser Konto eine Summe, die mir den Atem nahm: siebenhundertzwanzigtausend Euro.
Ich rechnete fest damit, dass sie von einem neuen Auto sprechen oder von einem größeren Haus. Stattdessen sagte sie ruhig:
— Wir gründen eine Stiftung. In seinem Namen. Für Veteranen ohne Familie. Damit wenigstens ein paar Menschen nicht vergessen werden.
Ich musste lächeln, weil es sich richtig anfühlte.
— Darauf wäre er stolz gewesen, sagte ich.
—
Kapitel 6. Das letzte Vermächtnis
Nur wenige Tage nach der offiziellen Gründung der Stiftung meldete sich unsere Bank.
— Herr Ludwig, erklärte die Sachbearbeiterin, im Zuge der Unterlagen ist ein weiterer Schließfachvertrag aufgetaucht. Er lief auf den Namen von Oskar Stein. Vielleicht sollten Sie persönlich vorbeikommen.
Im Schließfach fanden wir einen weiteren Umschlag – und ein Foto. Oskar in Uniform, den Arm um eine junge Frau gelegt, die ein Kind auf dem Arm hielt.
Auf der Rückseite stand:
„Anna und der kleine Theo. Paris, 1946.“
Der beiliegende Zettel enthielt nur wenige Zeilen:
„Wenn es das Leben erlaubt, sagt ihnen eines Tages, dass ich sie nie vergessen habe. Und dass ich für jeden Tag dankbar war, an dem ich atmen durfte.“
Dem Schreiben war die Adresse eines Notars in Frankreich beigefügt.
Dorothea sah mich fragend an.
— Glaubst du, er hatte dort eine Familie?
Ich hob die Schultern.
— Vielleicht. Oder es waren Menschen, denen er das Leben gerettet hat. Wichtig ist wohl nur, dass er wollte, dass wir davon erfahren.
—
Kapitel 7. Die Reise nach Frankreich
Im Frühling fuhren wir nach Paris. Der Notar bestätigte, was wir kaum zu hoffen gewagt hatten: Oskar Stein war tatsächlich an einer Firma namens Maison Duret beteiligt gewesen. Man empfing uns in einem alten Steingebäude, dessen Archive noch immer die Geschäftsbücher der 1940er-Jahre beherbergten.
Der leitende Verwalter, ein grauhaariger Mann namens Xaver Becker, war das Kind von dem Foto.
Als wir erklärten, wer wir waren, brach er in Tränen aus.
— Ihr Schwiegervater hat meinem Vater das Leben gerettet, sagte er stockend. Er verlangte nichts dafür. Nur einen Satz ließ er zurück: „Sollten Sie jemals Wohlstand erlangen, helfen Sie denen, die es verdienen.“ Und genau das haben wir getan. Jahr für Jahr.
Er führte uns zu einer Wand im Büro. Dort hing ein Schwarzweißfoto von Oskar Stein. Darunter stand:
„Dem Mann, der uns das Leben schenkte.“
—
Kapitel 8. Der Wert des Schweigens
Auf der Rückfahrt wurde mir klar, dass Größe selten laut ist. Sie zeigt sich nicht in großen Reden oder in Taten, die Applaus suchen.
Sie liegt im stillen Ausharren, im bewussten Verzicht, damit andere eines Tages würdig leben können.
Dorothea und ich begannen erneut von vorn. Wir eröffneten ein Zuhause für alte Menschen, die niemanden mehr hatten. An der Eingangstür hängt ein schlichtes Schild:
Haus Oskar Stein
Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, stelle ich mir vor, wie er irgendwo jenseits dieser Welt mit einer Tasse Tee am Fenster sitzt. Ruhig. Zufrieden.
—
Epilog
Fünf Jahre sind vergangen. Unsere Stiftung hat vielen Veteranen geholfen. Vor kurzem sagte einer von ihnen zu mir:
— Ihr Schwiegervater war ein kluger Mann. Er wusste, dass man nicht für Reichtum lebt, sondern dafür, etwas Helles zu hinterlassen.
In dieser Nacht stellte ich in der Küche wieder zwei Tassen auf den Tisch.
Eine für mich.
Eine für ihn.
Manchmal kommen die größten Geschenke von jenen, die wir am leichtesten übersehen haben. Und wahre Dankbarkeit zeigt sich oft erst dann, wenn wir begreifen, was uns längst gegeben wurde.
