Die Schlagzeilen überschlugen sich: „Junge Frau deckt Korruption auf!“ Innerhalb der Firma erhielt ich unerwartet viel Rückhalt, zahlreiche Kolleginnen und Kollegen stellten sich offen hinter mich. Gleichzeitig wurde der Ton von außen rauer. Anonyme Drohbriefe tauchten auf, im Netz sammelten sich hasserfüllte Kommentare, die mir schlaflose Nächte bereiteten.
An einem stillen Abend stieß ich in der alten Tasche meiner Mutter auf einen Brief von Heinrich Baum. Seine Worte trafen mich mitten ins Herz:
„Wenn du jemals vor der Wahl stehst – Anstand oder Geld –, entscheide dich ohne Zögern für den Anstand.“
Schritt für Schritt fand das Unternehmen zurück in ruhigeres Fahrwasser. Wir setzten eine neue Führung ein: Matthias Seidel übernahm die Finanzen, Stefan Köhler die Produktionsleitung. Oft saßen wir gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden über Plänen und Zahlen.
Ein Jahr verging. Am letzten Tag musste ich erneut vor Gericht erscheinen, um die Firma nun auch offiziell auf meinen Namen eintragen zu lassen. Draußen warteten Markus Lehmann und Clara Hoffmann.
„Am Ende doch gewonnen?“, fragte er spöttisch.
„Ja“, entgegnete ich gelassen, „aber nicht deinetwegen – und auch nicht gegen dich. Ich habe es für mich getan.“
Clara senkte wortlos den Blick.
Am Abend feierten wir im Büro. Karl Brenner erhob sein Glas und sagte leise: „Heinrich wäre stolz auf dich.“
Auf dem Heimweg blieb ich auf einer Brücke stehen und sah der Donau zu. Vor einem Jahr hatte ich alles verloren – heute hatte ich mir alles zurückerarbeitet. Doch bleibt die Frage: Kann man in der Bundesrepublik Deutschland wirklich ehrlich siegen, oder war mir das Glück einfach hold? Was meint ihr – lohnt es sich heute noch, aufrichtig zu bleiben?
