„Ich bin jemand, der die Wahrheit ausspricht“ — entgegnete Anna gelassen, während Roths Gesicht jede Farbe verlor

Erbarmungslose Verachtung trifft auf überraschend unerschütterlichen Mut.
Geschichten

…fuhr er fort. „Ihr Großonkel Heinrich Baum ist verstorben. Nach seinem letzten Willen sind Sie die alleinige Erbin.“

Für einen Moment verlor ich jedes Zeitgefühl. Heinrich? Der Verwandte, über den in meiner Familie nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, das schwarze Schaf, dessen Name selbst meiner Mutter Unbehagen bereitete. Ich hatte ihn ein einziges Mal gesehen, als ich noch ein Kind war – flüchtig, aus der Distanz, wie eine Randfigur meines Lebens.

„Das muss ein Irrtum sein“, brachte ich stockend hervor.

„Leider nicht“, entgegnete Dr. Tobias Kern ruhig. „Herr Baum hat sein gesamtes Vermögen Ihnen vermacht. Allerdings ist das Erbe an eine Bedingung geknüpft.“

Mir schnürte es die Brust zu. Der Anwalt erklärte mir die Klausel: Für die Dauer von zwölf Monaten müsse ich die Leitung des Familienunternehmens übernehmen, der Baum Bau GmbH. Gelänge es mir, dieses Jahr ohne Skandal zu überstehen, ginge alles endgültig in meinen Besitz über. Scheiterte ich – bliebe mir nichts.

Benommen kehrte ich in meine kleine Wohnung in Berlin zurück. Meine Katze rollte sich schnurrend auf meinem Schoß zusammen, während ich reglos die Zimmerdecke anstarrte. Ich war Lehrerin – was wusste ich schon von Bauprojekten, Verträgen und Bilanzen? Doch als ich die abgenutzte Handtasche meiner Mutter in den Händen hielt, erinnerte ich mich an einen Satz aus einem alten Brief von Heinrich: „Du bist noch nicht verdorben. Beweis es ihnen.“

Zwei Tage später stand ich im Konferenzraum der Firma. An den Wänden hingen gerahmte Bilder, schwere Möbel, der Geruch von Macht und Geld. Männer in maßgeschneiderten Anzügen musterten mich kühl, als gehörte ich hier nicht her.

„Willkommen, Frau Bergmann“, sagte Julian Roth, der stellvertretende Geschäftsführer, und trat näher. „Ich hoffe, Ihnen ist klar, worauf Sie sich eingelassen haben.“

„Nein“, antwortete ich.

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