«Ich lasse mich von Ihrem Sohn scheiden» — sagt Clara kühl ins Telefon

Diese kaltherzige Gleichgültigkeit ist erschütternd und befreiend.
Geschichten

Clara Neumann strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ den Blick über das Haus von Jonas Richters Eltern gleiten. Der zweistöckige Bau aus rotem Klinker wirkte auf sie jedes Mal überdimensioniert, fast protzig – viel zu groß für zwei betagte Menschen, die längst nur noch einen Bruchteil der Räume nutzten.

„Na, bist du bereit?“, fragte Jonas, während er die Taschen aus dem Kofferraum hob.

„Natürlich“, antwortete Clara mit einem routinierten Lächeln. Fünfzehn Jahre Ehe hatten sie gelehrt, Unsicherheit und innere Anspannung geschickt zu verbergen.

Die Haustür öffnete sich, und Helena Krüger stand im Rahmen. Sorgfältig geschminkt, ein neuer Hausmantel, der demonstrativ geschniegelt wirkte.

„Ach, da seid ihr ja. Jonas, mein Junge!“, rief sie, schloss ihren Sohn in die Arme und küsste ihn auf die Wange. Clara bedachte sie lediglich mit einem flüchtigen Blick. „Clärchen, hallo.“

„Guten Abend“, sagte Clara und reichte ihr die mitgebrachte Pralinenschachtel.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen. Dein Schwiegervater kämpft inzwischen mit starkem Diabetes“, erwiderte Helena Krüger trocken.

Jonas schwieg. Wie immer.

Im Wohnzimmer saß Karl-Heinz Vogt vor dem Fernseher und verfolgte die Nachrichten. Er nickte kurz zur Begrüßung und richtete seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf den Bildschirm.

„Das Abendessen ist in einer Stunde fertig“, verkündete Helena Krüger. „Jonas, komm mir kurz in der Küche zur Hand. Clara, ruh dich solange aus.“

Ausruhen. Als wäre sie krank oder hilfsbedürftig.

Clara zog sich ins Gästezimmer zurück, hängte ihre Sachen in den Schrank und setzte sich auf die Bettkante. Durch die Wand hörte sie die gedämpften Stimmen von Jonas und seiner Mutter – Gespräche über Arbeit, Nachbarn, Wehwehchen. Belangloses, Vertrautes.

Warum kamen sie eigentlich jeden Monat hierher? Aus Pflichtgefühl? Oder vermisste Jonas seine Eltern tatsächlich so sehr?

„Clärchen, das Essen ist fertig!“, schallte Helenas Stimme durch den Flur.

Auf dem Tisch stand das Übliche: Brathähnchen, Kartoffeln, ein einfacher Salat. Nichts Überraschendes.

„Jonas meinte, ihr wart schon wieder im Urlaub in der Türkei“, begann die Schwiegermutter scheinbar beiläufig. „In eurem Alter haben wir unsere freie Zeit im Garten verbracht. Für das Land, für die Gemeinschaft.“

„Die Zeiten haben sich geändert“, entgegnete Clara ruhig.

„Ja, leider. Früher hatte die Familie noch Vorrang vor Vergnügungen.“

Clara spürte, wie sich ihre Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten. Jonas kaute schweigend und sah auf seinen Teller.

„Und wann ist es endlich mit Kindern so weit?“, mischte sich Karl-Heinz Vogt ein und hob den Blick. „Die Jahre laufen euch davon.“

„Papa, darüber haben wir doch schon gesprochen“, murmelte Jonas.

„Gerede. Ergebnisse sehe ich keine.“

Clara stand auf.

„Entschuldigt mich bitte, ich habe Kopfschmerzen. Ich lege mich lieber hin.“

Im Gästezimmer schloss sie die Tür hinter sich und sank auf das Bett. Ihre Hände zitterten. Immer dasselbe Spiel: Anspielungen, Vorwürfe, diese stummen, missbilligenden Blicke.

Eine halbe Stunde später kam Jonas herein.

„Was ist los mit dir?“

„Nichts. Ich bin nur erschöpft.“

„Sie meinen es nicht böse. Sie machen sich Sorgen um uns.“

Sorgen. Clara drehte sich zur Wand.

„Gute Nacht.“

Jonas zog sich aus, legte sich neben sie und schlief kurz darauf tief und fest ein.

Clara jedoch lag wach. Sie dachte an den nächsten Morgen, an das Frühstück mit spitzen Bemerkungen, daran, wie Jonas wieder so tun würde, als bemerke er nichts.

Fünfzehn Jahre. Sollte ihr ganzes Leben so aussehen?

Gegen drei Uhr nachts wachte sie auf. Ihr Mund war trocken, der Kopf pochte. Neben ihr breitete sich Jonas schlafend über das halbe Bett aus.

Leise stand sie auf, schlüpfte in den Bademantel und ging in Richtung Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Im Flur brannte ein schwaches Nachtlicht, die Dielen knarrten unter ihren Schritten.

Vor der Küchentür blieb sie abrupt stehen. Drinnen hörte sie die Stimmen ihrer Schwiegereltern.

„… er duldet diese unfruchtbare Kuh jetzt seit fünfzehn Jahren“, zischte Helena Krüger. „Keine Kinder, kein Nutzen.“

„Sei leiser“, brummte Karl-Heinz Vogt. „Am Ende hört noch jemand zu.“

„Soll sie es doch hören! Vielleicht schämt sie sich dann endlich. Jonas könnte längst eine andere haben. Hübsch, erfolgreich, mit Perspektive.“

Clara lehnte sich an die Wand. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie fürchtete, es müsse durch das ganze Haus hallen.

„Und was schlägst du vor?“, fragte er.

„Morgen reden wir mit ihm. Ernsthaft. Ein Mann muss begreifen, dass Zeit endlich ist. Mit dreiundvierzig kann man noch problemlos eine neue, richtige Familie gründen.“

„Und was ist mit ihrer Wohnung und dem Auto?“, fragte Karl-Heinz Vogt.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber