sagte Johanna Ludwig ruhig. Sie hatten genau den Sohn bekommen, den Sie erzogen haben: einen Mann, den man vor jeder Schwierigkeit abgeschirmt hat, dem man erlaubte, keiner Arbeit nachzugehen und für nichts Verantwortung zu tragen. Mir hingegen haben Sie etwas anderes gelassen – Freiheit.
— Aber Sie sind doch allein …
— Ja. Und das ist großartig. Wissen Sie, wie befreiend es ist, morgens aufzuwachen, ohne Angst davor zu haben, dass jemand über das Frühstück die Stirn runzelt? Sich etwas zu kaufen, ohne sich anschließend eine Predigt über Verschwendung anhören zu müssen? Bis spät abends zu arbeiten, ohne aus Pflichtgefühl noch ein warmes Essen zu kochen, nur weil „ein Mann nicht hungrig nach Hause kommen darf“?
Johannas Stimme gewann an Festigkeit.
— Das nennt man, das eigene Leben zu führen. Nicht das Leben eines anderen zu bedienen.
In Dorothea Kochs Blick flackerte für einen Moment etwas wie eine stumme Bitte auf – nach Verständnis, nach Nachsicht, vielleicht danach, dass Johanna ihr wenigstens einen Teil der Schuld abnehmen möge.
— Und was soll ich jetzt tun? — fragte sie verzweifelt. — Wie lebt man mit all dem weiter?
— Diese Entscheidung haben Sie vor dreißig Jahren getroffen. Jetzt bleibt Ihnen nur, mit den Folgen zu leben.
Johanna legte die Hand an den Türgriff.
— Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Die Tür fiel ins Schloss. Der Wagen setzte sich langsam vom Bordstein in Bewegung.
Im Rückspiegel tauchte noch einmal die gebeugte Gestalt im Regen auf, vor dem Hauseingang, klein und verloren. Johanna sah nicht noch einmal hin.
Zu Hause räumte sie ohne Hast die Einkäufe aus, klappte den Laptop auf. Das Telefon vibrierte: eine Nachricht von einem Auftraggeber. Ein neues Projekt, gute Bezahlung, ein Thema, das sie reizte. Niemand fragte, woher das Geld kam. Niemand wollte wissen, wofür sie es ausgab.
Draußen trommelte der Regen gegen die Scheiben. In der Wohnung lag eine wohltuende Stille, die sie umfing. Niemand erwartete ein fertiges Abendessen zu einer bestimmten Stunde. Niemand murrte wegen ausgegebener Euros. Niemand verlangte Rechenschaft darüber, wo sie gewesen war oder mit wem sie gesprochen hatte.
Johanna öffnete eine neue Datei und begann zu schreiben. Ihre Finger glitten sicher über die Tasten. Arbeit, die ihr etwas bedeutete. Ein Zuhause, in dem sie das Sagen hatte. Ein Leben, das sie mit niemandem teilen musste, wenn sie es nicht wollte.
Eine weitere Nachricht erschien — diesmal von einer Freundin, mit einer Einladung ins Theater für das Wochenende. Früher hätte sie reflexhaft abgesagt:
— Mein Mann mag es nicht, wenn ich allein ausgehe.
Jetzt tippte sie ohne Zögern zurück:
— Sehr gern, ich bin dabei!
Der Regen fiel dichter, doch in der Wohnung war es warm und hell. Johanna lächelte bei dem Gedanken und arbeitete weiter. Morgen würde ein neuer Tag beginnen — ihr Tag, so gelebt, wie sie ihn sich ausgesucht hatte.
