Dorothea Koch.
— Sie sagten damals, eine anständige Ehefrau dürfe ihren Mann nicht mit Kleinigkeiten belästigen. Sie müsse verstehen, nachsichtig sein, vergeben. Und dass eine echte Frau Wärme ins Zuhause bringt, statt zu nörgeln und zu fordern.
Dorothea Koch senkte den Blick, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.
— Außerdem erklärten Sie mir, eine Scheidung sei eine Schande für die Frau, nicht jedoch für den Mann. Erinnern Sie sich an diese Lebensweisheiten?
— Ich erinnere mich — hauchte sie kaum hörbar.
— Dann sehen Sie es als konsequent an. Jetzt leben Sie mit dem Resultat Ihrer eigenen Ratschläge.
Im Wagen breitete sich eine drückende Stille aus. Dorothea Koch umklammerte die Henkel ihrer Tasche, den Kopf weiterhin gesenkt, als wolle sie sich unsichtbar machen.
— Johanna, ich möchte mich entschuldigen.
— Wofür genau?
— Dafür, dass ich Ihnen die Schuld an der Scheidung gegeben habe. Dass ich behauptet habe, Sie seien eine schlechte Ehefrau, unfähig, mit meinem Sohn auszukommen.
Johanna drehte sich vollständig zu ihr um.
— Und was denken Sie heute?
— Jetzt verstehe ich es — Dorothea Koch hob endlich den Kopf. — Sie haben nur als Erste aufgegeben. Ich habe ihn falsch erzogen. Ich habe ihn ständig beschützt, vor allem bewahrt. So hat er nie gelernt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
— Sie wussten genau, was Sie da heranziehen. Es war nur bequemer, alles auf mich abzuwälzen.
Dorothea Koch zuckte zusammen, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen.
— Sie haben recht. Aber ich glaubte… ich glaubte wirklich, ich würde meinen Sohn schützen. Dass mütterliche Liebe…
— Mütterliche Liebe bedeutet, einem Kind beizubringen, ohne einen bestehen zu können. Sie haben ihm eher beigebracht, auf Kosten anderer zu leben.
Die Worte trafen hart. Dorothea Koch sank förmlich in den Sitz zurück.
— Verzeihen Sie mir — flüsterte sie. — Ich wusste nicht, was ich anrichte. Ich habe nicht geahnt, wohin das führt.
— Doch, das wussten Sie. Die Folgen erschienen Ihnen damals nur weit entfernt.
Draußen setzte feiner Regen ein. Dorothea Koch öffnete die Autotür, blieb jedoch sitzen.
— Und Sie… sind Sie jetzt glücklich?
— Ich bin ruhig.
— Fehlt Ihnen keine Familie? Ihr Mann?
— Was sollte mir fehlen? Die ständigen Vorwürfe? Das Geschrei? Dieses Gefühl, egal was ich tue, es ist nie richtig?
Johanna startete den Motor, dessen Brummen die Pause füllte.
— Aber Sie haben ihn doch geliebt…
— Ich liebte den Menschen, der er hätte werden können. Nicht den, der er tatsächlich war.
Schließlich stieg Dorothea Koch aus, blieb jedoch im Regen neben der offenen Tür stehen.
— Vielleicht kommen Sie noch kurz mit rein? Wir trinken einen Tee, reden ein wenig… Ich sage Konrad Fuchs, dass wir uns getroffen haben.
— Nein.
— Er würde sich freuen, wirklich…
— Das bezweifle ich. Er hat mir kaum verziehen, dass ich zuerst gegangen bin.
Stille. Der Regen wurde stärker.
— Dorothea Koch —
