Die frühere Schwiegermutter erfuhr zufällig, wie ich nach der Scheidung lebe. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es mir besser gehen würde als ihrem Sohn.
Die Selbstbedienungskasse piepste quälend lange und nervös. Johanna Ludwig zog eine Dose Oliven über den Scanner und streckte bereits die Hand zum Kartenleser aus. Hinter ihr fluchte jemand lautstark.
— Wo soll man hier drücken, zum Teufel noch mal?
Johanna drehte sich um — und erstarrte. An der Nachbarkasse stand Dorothea Koch, stochend und sichtbar überfordert vor dem Bildschirm. Graues Haar, hastig hochgesteckt, ein abgetragener Mantel, eine billige Tasche am Arm. Genau diese Frau hatte sie vor drei Jahren noch als untaugliche Ehefrau beschimpft.
Zwei endlose Minuten vergingen in Schweigen. Schließlich erkannte Dorothea sie.

— Johanna? — ihre Stimme zitterte. — Bist du das wirklich?
— Guten Tag, Frau Koch.
Johanna zahlte ruhig weiter. Der neue Mantel saß perfekt, die Ledertasche stand neben dem Einkaufswagen, und sie hatte die Preise nicht einmal überschlagen müssen.
Die ehemalige Schwiegermutter musterte sie unverhohlen: gepflegte Hände, frische Haut, keine Spur mehr von der ausgelaugten Frau, die vor zwei Jahren mit nur einer Tasche die Familie verlassen hatte.
— Soll ich helfen? — Johanna deutete auf das Terminal.
Dorothea trat einen Schritt zurück. Mit wenigen Handgriffen war bezahlt. Brot, Milch, die billigsten Würstchen. Früher hätte Johanna das kaum wahrgenommen — jetzt verglich sie unwillkürlich alles mit dem Inhalt ihres eigenen Wagens.
— Danke — murmelte Dorothea. — Früher hat Konrad Fuchs sich um so was gekümmert, aber jetzt …
Sie brach ab und wurde rot.
Gemeinsam verließen sie den Laden. Johanna steuerte auf ihren nagelneuen Wagen zu. Dorothea blieb an der Haltestelle stehen und sah ihr noch einmal nach.
— Hast du dir den selbst gekauft? — fragte sie und nickte in Richtung Auto.
— Ja. Ich arbeite von zu Hause aus. Texterin.
— Dann verdienst du wohl gut? Einfach daheim sitzen?
— Sehr gut sogar. Und niemand schreibt mir vor, was ich zu tun habe.
Der letzte Satz war ruhig, aber betont. Dorothea verstand. Sie wandte den Blick ab.
Der Bus ließ auf sich warten. Sie standen schweigend nebeneinander, warfen sich gelegentlich verstohlene Blicke zu. Johanna verstaute die Einkäufe langsam im Kofferraum. Früher war sie immer gehetzt gewesen — nach Hause, kochen, waschen, putzen. Jetzt hatte sie keine Eile mehr. Und genau das fühlte sich wunderbar an.
— Wie geht es dir? — fragte Dorothea schließlich.
— Gut. Und Ihnen?
Die Frage blieb hängen. Dorothea starrte auf den Asphalt und umklammerte den Henkel ihrer Tasche.
— Bei mir … im Moment ist es nicht leicht — sagte sie leise, und in ihrer Stimme lag bereits die Vorahnung dessen, was sie gleich erzählen würde.
