Die Kälte kroch ihr bis tief in die Knochen.
Katharina zog das Smartphone aus der Tasche, wischte gedankenlos durch die Kontaktliste und blieb schließlich bei einer Nummer hängen, die sie seit fünf Jahren nicht mehr angerührt hatte.
Papa.
Ihre Hände zitterten leicht, trotzdem drückte sie auf „Anrufen“.
— Katharina? — Die Stimme am anderen Ende wurde sofort weicher. — Mein Mädchen?
Sie musste schlucken, ehe sie antworten konnte.
— Papa, ich … ich müsste mit dir reden. Persönlich. Geht das?
Einen Moment lang sagte er nichts, als hätte er auf einen weiteren Satz gewartet. Dann kam ruhig:
— Natürlich. Morgen um sechs, bei mir im Büro. Deine Mutter ist gerade bei ihrer Schwester in Sankt Peter-Ording, dann ist es entspannter.
— Danke. Ich komme, — sagte sie leise.
Als sie auflegte, löste sich etwas in ihrer Brust, wie ein Knoten, der endlich nachgab.
Der erste Schritt war getan.
Zurück gab es nun keinen Weg mehr.
Im Arbeitszimmer ihres Vaters roch es nach frisch gebrühtem Kaffee und nach teurem Papier. Alles war unverändert, fast tröstlich vertraut.
Friedrich Baumann begrüßte sie nicht mit Worten, sondern zog sie wortlos in eine feste, warme Umarmung.
— Setz dich, — sagte er schließlich. — Erzähl.
Katharina erzählte. Ohne Tränen, ohne dramatische Pausen. Sie legte alles offen: die gesperrten Karten, die ständigen Eingriffe der Schwiegermutter, dieses schleichende Gefühl, von einer selbstständigen Frau zu jemandem geworden zu sein, der Angst hat, den Mund aufzumachen.
Er hörte aufmerksam zu, unterbrach sie nicht, nickte nur ab und zu.
— Und was willst du jetzt? — fragte er schließlich.
— Wieder ich selbst werden. Wieder lernen, mein eigenes Geld zu verdienen.
Sie zögerte kurz, dann hob sie den Blick.
— Und Tobias zeigen, wer von uns beiden wirklich etwas kann.
Friedrich Baumann zog die Augenbrauen zusammen.
— Jetzt wird es interessant. Sprich weiter.
Katharina atmete tief ein.
— Du weißt, wo er arbeitet. Bei „Alpha-Bau“. Ich habe herausgefunden, dass das Unternehmen zum Verkauf steht. Kauf es. Offiziell soll es jemand anderem gehören, aber die operative Kontrolle will ich. Über einen Bevollmächtigten. Ohne meinen Namen. Ohne Titel. Ich bin nur eine externe Beraterin, ein Gesicht, das niemand kennt.
Ihr Vater musterte sie überrascht.
— Das klingt nach Vergeltung.
— Nein, — schüttelte sie den Kopf. — Es geht um Kontrolle. Ich will nichts rächen, ich will Ordnung herstellen. Er hat mich mit Geld klein gemacht — also zeige ich ihm, was echte Arbeit bedeutet.
Lange schwieg er, sah sie prüfend an. Dann sagte er langsam:
— Gut. Aber wenn ich einsteige, gelten meine Bedingungen.
— Welche?
— Erstens: offiziell bist du nur Beraterin, keine Chefin. Zweitens: drei Monate Zeit für messbare Ergebnisse. Wenn du scheiterst, bin ich raus. Drittens: Deine Mutter erfährt vorerst nichts.
— Einverstanden, — sagte Katharina ohne Zögern. — Mit allem.
— Dann bereite dich vor. Morgen bekommst du die Unterlagen. Mal sehen, ob du noch Zähne hast, — fügte er mit einem schmalen Lächeln hinzu.
Die nächsten Tage verschwammen zu einem einzigen, schlaflosen Strom.
Morgens brachte sie Jonas in den Kindergarten, danach fuhr sie direkt ins Büro ihres Vaters. Zahlen, Berichte, Projektpläne. Sie arbeitete sich durch Diagramme und Kalkulationen, lernte wieder, Entscheidungen schnell und präzise zu treffen — ohne Spielraum für Fehler.
Abends kehrte sie nach Hause zurück, wo zwei Menschen warteten, die fest davon überzeugt waren, dass sie bald einknicken würde.
— Wo treibst du dich ständig herum? — fragte Tobias Neumann am dritten Abend.
— Ich klappere Bekannte ab. Vielleicht leiht mir ja jemand Geld, — antwortete sie mit einem schiefen Lächeln.
— Der Stolz lässt dich wohl nicht, deinen Mann zu fragen? — stichelte die Schwiegermutter.
— Meinen Mann schon, — entgegnete Katharina ruhig. — Aber nicht den Menschen, der meine Konten gesperrt hat.
Sie wechselten einen Blick. Ihre Gelassenheit missfiel ihnen.
Katharina bemerkte es — und empfand dabei ein fast körperliches Vergnügen.
Zwei Wochen später kam der Anruf ihres Vaters.
— Der Deal ist durch.
Die neue Führungsstruktur stand, und bereits am nächsten Tag sollte bei „Alpha-Bau“ ein neuer Abteilungsleiter auftauchen: Sebastian Roth.
Offiziell ein erfahrener Fachmann. Inoffiziell jemand, der Katharinas Anweisungen umsetzte.
— Dein Mann wird keinen Verdacht schöpfen, — sagte Friedrich Baumann amüsiert.
— Nein, — bestätigte sie. — Dafür hat er mich viel zu lange übersehen.
Am nächsten Morgen kam Tobias mit glänzenden Augen nach Hause.
— Stell dir vor, die Abteilung wurde übernommen! Ein neuer Eigentümer, angeblich ein richtiges Schwergewicht. Es soll Umstrukturierungen geben, neue Großprojekte. Ich habe gute Chancen aufzusteigen — man schätzt mich dort.
Katharina stellte ihm einen Teller mit Omelett hin.
— Dann solltest du dich freuen, wenn man dich so schätzt.
— Klar, — sagte er selbstzufrieden. — Ein neuer Chef soll kommen, aber der wird ohne mich nicht weit kommen. Ich kenne hier schließlich alles.
— Natürlich, — nickte sie. — Ganz bestimmt.
Innerlich dachte sie nur: Wir werden sehen.
Am nächsten Tag zog sie zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder einen Businessanzug an. Dunkelblau, perfekt geschnitten. Derselbe, der früher für Freiheit gestanden hatte.
Jetzt war er wieder das, was er einmal gewesen war: eine Rüstung.
Offiziell war Katharina als „externe Marketingberaterin“ geführt, eingeladen vom neuen Abteilungsleiter. Für alle anderen nur eine Assistentin. Für ihn jedoch das eigentliche strategische Zentrum.
Die Besprechung begann um zehn Uhr.
Sebastian Roth trat souverän auf, sprach knapp, sachlich, kompromisslos. Katharina saß mit ihrem Notizblock in der letzten Reihe und beobachtete, wie ihr Mann zunehmend unruhig wurde, während sich der neue Ton im Raum festsetzte.
