„Ab heute bestimme ich über dein Gehalt.“ sprach Theresa beiläufig am Sonntagnachmittag am Esstisch, meine Gabel blieb in der Hand stehen

Unverschämte Einmischung zwingt zu unbequemen, schmerzhaften Wahrheiten.
Geschichten

„Ab heute bestimme ich über dein Gehalt.“

Theresa Winter sprach diesen Satz an einem Sonntagnachmittag an unserem Esstisch aus, so beiläufig, als hätte sie nur erwähnt, dass keine Milch mehr im Kühlschrank stand.

Mir blieb die Gabel mitten in der Bewegung in der Hand stehen.

Mein Mann, Sebastian Friedrich, saß neben mir und sagte für ein paar Sekunden überhaupt nichts. Seine Mutter saß uns gegenüber und schnitt weiter von ihrem selbst gebackenen Nussstollen ab, obwohl es erst Ende Oktober war und niemand sie darum gebeten hatte, etwas mitzubringen.

„Wie bitte?“, brachte ich schließlich heraus.

Theresa legte das Messer ab.

Sie war einundsechzig, ihr kastanienbraunes Haar saß immer wie frisch vom Friseur, und ihre Blusen waren gebügelt, selbst wenn sie nur kurz bei uns vorbeikam. Sebastian und ich wohnten in einer Dreizimmerwohnung in einem neueren Wohnviertel von Mainz. Sie lebte kaum zehn Autominuten entfernt in Gonsenheim.

„Ich habe gesagt, dass damit jetzt Schluss ist“, erklärte sie. „Ihr verdient beide ordentlich, und trotzdem höre ich ständig, dass ihr dafür gerade kein Geld ausgeben wollt, dass ihr dafür spart und jenes erst nächsten Monat kaufen könnt. Jemand muss hier endlich Ordnung hineinbringen.“

Im ersten Moment glaubte ich, sie mache einen schlechten Scherz.

Dann sah ich Sebastians Gesicht.

Er lächelte nicht.

„Theresa“, sagte ich langsam, „mein Gehalt geht dich nichts an.“

„Natürlich habe ich mir gedacht, dass genau dieser Satz von dir kommt.“

„Weil es die Wahrheit ist.“

„Nein, meine Liebe. Die Wahrheit ist, dass mein Sohn seit elf Jahren in dieser Firma arbeitet, Überstunden macht, ständig unterwegs ist und alles regelt, während du …“

„Mama“, unterbrach Sebastian sie.

„Lass mich ausreden.“

Sie sprach nicht laut. Gerade das machte die Situation so unangenehm.

„Während du dir jeden Monat ein hübsches Gehalt überweisen lässt. Aber sobald es darum geht, der Familie zu helfen, fällt dir plötzlich immer irgendeine Ausrede ein.“

Jetzt wusste ich, worauf sie hinauswollte.

Drei Tage zuvor hatte Theresa Sebastian angerufen und gefragt, ob wir seiner Schwester Clara Sommer fünftausend Euro leihen könnten.

Clara war vierzig, geschieden, mietete ein Kosmetikstudio in der Mainzer Innenstadt und war in den vergangenen sechs Jahren mindestens dreimal in eine Lage geraten, in der sie „nur vorübergehend“ Geld brauchte.

Einmal ging es um tausend Euro.

Ein anderes Mal um zweitausend.

Und einmal wollte sie sogar, dass Sebastian einen Privatkredit auf seinen Namen aufnahm.

An jenem Abend hatte ich zu meinem Mann nur gesagt:

„Wenn du ihr aus deinen eigenen Rücklagen helfen möchtest, reden wir darüber. Aber unseren gemeinsamen Notgroschen rühren wir nicht an.“

Sebastian hatte geantwortet:

„Ich bin ganz deiner Meinung.“

Zumindest hatte ich das damals geglaubt.

Theresa beugte sich nun ein Stück vor.

„Familie ist kein Posten in einer Buchhaltung, Katharina.“

„Da stimme ich dir zu.“

„Warum musstest du dann Nein sagen?“

„Weil es um fünftausend Euro geht.“

„Geld, das ihr habt.“

„Das bedeutet noch lange nicht, dass wir verpflichtet sind, es wegzugeben.“

Theresa sah erst mich an, dann Sebastian.

„Siehst du? Genau davon habe ich gesprochen.“

Mein Mann stieß einen müden Atemzug aus.

„Mama, hör auf.“

„Nein, das werde ich nicht. Es wäre nur vernünftig, wenn jemand die Finanzen übernimmt, der weiß, worauf es wirklich ankommt.“

Ich lachte kurz auf, aber nicht, weil ich es komisch fand.

„Und dieser jemand wärst du?“

„Ja.“

Jetzt hob auch Sebastian den Blick.

Theresa sprach unbeirrt weiter.

„Ihr würdet mir jeden Monat einen festen Betrag überweisen. Ich würde ihn verwalten, etwas zurücklegen, ihn sinnvoll einteilen. Und wenn jemand aus der Familie Hilfe braucht, gäbe es nicht jedes Mal ein Drama.“

„Ich werde dir mein Gehalt ganz sicher nicht überweisen.“

„Es wäre aber besser so.“

„Für dich bestimmt.“

„Katharina!“

In diesem Moment griff Sebastian nach der schwarzen Laptoptasche, die neben seinem Stuhl stand.

Ich hatte mich schon gefragt, weshalb er sie überhaupt mit ins Esszimmer genommen hatte. Vorhin hatte er behauptet, er müsse für Montagmorgen noch ein paar Arbeitsunterlagen durchsehen.

Er öffnete die Tasche, zog ein gefaltetes Blatt Papier heraus und legte es wortlos vor seine Mutter auf den Tisch.

Theresa starrte zunächst nur darauf.

Dann wich ihr jede Farbe aus dem Gesicht.

Und genau das jagte mir plötzlich Angst ein.

„Was ist das?“, fragte ich.

Sebastian sah mich nicht an.

„Ein Kontoauszug.“

„Ich sehe selbst, dass es ein Kontoauszug ist“, sagte Theresa Winter scharf.

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