Marlene zog ihr Handy aus der Tasche.
„Ich habe am vierzehnten August überwiesen.“
Sabine atmete schwer aus, als hätte sie gehofft, dieser Satz würde nie fallen.
„Gut. Ich habe einen Teil davon ausgegeben.“
„Wofür?“
Wieder breitete sich Schweigen aus.
Jonas legte sein Sakko langsam zurück über die Stuhllehne, setzte sich aber nicht mehr hin.
Sabine presste die Lippen aufeinander.
Michael war der Erste, der es aussprach.
„Du hast es Christian gegeben, oder?“
Ich kannte Christian nicht persönlich.
Seinen Namen hatte ich nur ein paarmal gehört.
Er war Sabines jüngerer Bruder, zweiundfünfzig Jahre alt, und wartete seit Jahrzehnten auf irgendeine „einmalige Chance“, die alles verändern sollte.
Er hatte schon eine Baufirma gehabt, einen Gebrauchtwagenhandel, ein kleines Café und später auch noch einen Onlineshop.
Alles war gescheitert.
Sabine ließ sich auf einen Stuhl sinken.
Mehr Antwort brauchte niemand.
Marlene wurde kreidebleich.
„Du hast mein Geld Christian gegeben?“
„Ich habe es ihm geliehen.“
„Mein Geld?“
„Er zahlt es zurück.“
„Wann?“
Sabine schwieg.
Michael schloss für einen Moment die Augen.
„Wie viel?“
„Was?“
„Wie viel hast du ihm insgesamt gegeben?“
„Das geht dich nichts an.“
„Ich bin dein Mann.“
„Es waren meine Rücklagen.“
„Sabine.“
Zum ersten Mal hörte ich Michael in diesem Ton sprechen.
Er wurde nicht laut.
Trotzdem zuckte Sabine zusammen.
„Wie viel?“
„Viertausendsechshundert Euro.“
Marlene sprang auf.
„Bitte was?“
Sabine redete hastig weiter.
„Aber das war ja nicht alles dein Geld.“
Der Satz war so abwegig, dass mehrere am Tisch einander fassungslos ansahen.
Marlene standen Tränen in den Augen.
„Du hast mich um Geld gebeten, weil du gesagt hast, Papa hätte nicht genug für die Renovierung.“
„Ich wollte euch nicht beunruhigen.“
„Und von Jonas wolltest du aus demselben Grund zweitausend Euro.“
Sabines Blick schnellte zu mir.
Als wäre plötzlich wieder ich der Ursprung allen Übels.
„Wenn Sophie sich nicht eingemischt hätte, hätten wir das in der Familie geklärt.“
Jonas drehte sich so abrupt zu ihr, dass ich erschrak.
„Meinst du das gerade ernst?“
„Ja.“
„Sophie wusste nicht einmal, wofür du das Geld wirklich brauchst.“
„Aber sie hat dich dazu gebracht, Nein zu sagen.“
Einen Augenblick lang starrte Jonas seine Mutter nur an.
Dann sprach er mit einer Ruhe, die schlimmer klang als jedes Schreien.
„Weißt du, warum ich Nein gesagt habe?“
Sabine antwortete nicht.
„Weil ich seit acht Jahren zusehe, wie du genau das immer wieder machst.“
Es war, als würde die Luft im Zimmer kälter werden.
„Was mache ich denn?“
„Du nennst alles Familienpflicht, sobald du selbst davon profitierst.“
Sabine fuhr hoch.
„Ich habe mein ganzes Leben für euch gelebt!“
„Das weiß ich.“
„Und dann wagst du es, so mit mir zu reden?“
„Ja. Weil das, was du für uns getan hast, dir nicht das Recht gibt, über uns zu verfügen.“
Danach sagte Jonas etwas, von dem er mir später gestand, dass er es schon seit Jahren mit sich herumtrug.
„Als ich mit sechsundzwanzig ausgezogen bin, hast du drei Monate nicht mit mir gesprochen, weil du meintest, ich hätte dich im Stich gelassen.“
Sabine machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Das ist ewig her.“
„Als Marlene nicht an die Uni gegangen ist, die du für sie ausgesucht hattest, hast du ihr gesagt, sie hätte dich enttäuscht.“
Marlene senkte den Kopf.
„Und als ich Sophie geheiratet habe, hast du mir am Morgen nach der Hochzeit gesagt, du hoffst, ich würde irgendwann begreifen, dass ich mich zu schnell entschieden habe.“
Das hatte ich nicht gewusst.
Ich sah zu Jonas.
Er blickte nicht zu mir zurück.
Seine Augen blieben auf seine Mutter gerichtet.
„Und jetzt, weil ich dir keine zweitausend Euro gegeben habe, willst du meine Frau dafür bestrafen.“
Sabines Gesicht lief rot an.
„Du hast keine Ahnung, was ich alles für dich geopfert habe.“
„Doch.“
Jonas’ Stimme brach.
„Genau das ist ja das Problem. Seit zwanzig Jahren führst du über jedes einzelne Opfer Buch, damit du irgendwann den Preis dafür zurückverlangen kannst.“
Danach sagte niemand mehr etwas.
Ich spürte, dass etwas endgültig zerbrochen war.
Aber nicht zwischen Jonas und mir.
Im Gegenteil.
Er wandte sich zu mir.
„Fahren wir nach Hause?“
Ich nickte.
Dann nahm ich meinen Mantel.
Als ich im Flur in meine Schuhe schlüpfte, kam Sabine uns nach.
„Jonas.“
Mein Mann blieb stehen.
„Wenn du jetzt gehst, brauchst du morgen nicht wiederzukommen und so zu tun, als wäre nichts passiert.“
Jonas sah sie an.
„Das werde ich auch nicht tun.“
Sabine hatte damit offensichtlich nicht gerechnet.
„Wie meinst du das?“
