«Die Wohnung gehört mir. Du hast einen Monat, um auszuziehen.» — schrieb Christina kühl, während Sebastian wütend ins Telefon schrie

Mutig, gerecht und befreiend: endlich ihr eigenes Leben.
Geschichten

Christina verließ das Gebäude, setzte sich draußen auf die kalte Steinbank neben dem Eingang. Ihre Finger zitterten, obwohl es nicht besonders kühl war. Sie holte tief Luft, nahm das Handy und schrieb Sebastian Winter eine knappe Nachricht:
Die Wohnung gehört mir. Du hast einen Monat, um auszuziehen.

Keine sechzig Sekunden später klingelte das Telefon. Sebastian schrie ins Mikrofon, sprach von Rechtsbruch, von Anwälten, davon, dass er sie verklagen werde. Christina ließ ihn reden, hörte ruhig zu, bis seine Stimme heiser wurde. Erst dann antwortete sie sachlich, fast müde:

„Du hast aufgehört, den Kredit zu bedienen. Die Bank hätte uns beide rausgeworfen. Ich habe das Chaos aufgefangen. Und ja – ab jetzt ist es ausschließlich mein Zuhause.“

Er versuchte es tatsächlich über den Rechtsweg, scheiterte jedoch an den Fakten. Drei Wochen später war er weg. Seine Sachen holte er ab, als Christina nicht da war. Kurz darauf kam eine Nachricht von Andrea Otto: Du hast unsere Familie zerstört. Das wirst du noch bereuen.
Christina sperrte die Nummer, ohne zu zögern.

Die Renovierung übergab sie einer kleinen Firma. Der Bauleiter, Dominik Fuchs, war Mitte dreißig, wortkarg, mit müden Augen und einer ruhigen Art. Er arbeitete präzise, ohne unnötige Gespräche. Eines Tages saß Christina auf der Fensterbank und beobachtete die Handwerker, als Dominik beiläufig bemerkte:

„Sieht man nicht oft, dass eine Frau alles allein entscheidet. Meist geben die Männer den Ton an.“

„Ich habe keinen Mann“, erwiderte sie ruhig.

Dominik nickte nur. „Verstehe.“ Dann widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Vier Wochen später war alles fertig. Christina stand mitten in der leeren Wohnung. Helle Wände, saubere Linien, der Geruch von frischer Farbe. Ihre Wohnung. Ohne Sebastian, ohne seine Mutter, ohne fremde Stimmen.

Dominik kam ein letztes Mal vorbei, um sein Werkzeug zu holen.
„Falls Sie irgendwann etwas brauchen“, sagte er und reichte ihr eine Visitenkarte.

Eine Woche später rief sie ihn an. Nicht wegen der Wohnung. Sie trafen sich in einem Café, redeten lange. Dominik hörte zu, unterbrach sie nicht, gab keine Ratschläge. Als sie geendet hatte, sagte er nur:

„Du bist stark. Das ist selten.“

Christina lächelte. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ehrlich.

Ein halbes Jahr verging. Eines Abends schrieb Sebastian spät. Christina saß in der Küche, der Laptop vor ihr, Dominik neben ihr, vertieft in eine Skizze.

Mutter ist krank. Wir haben kein Geld für die Behandlung. Kannst du helfen?

Christina sah auf das Display, dann zu Dominik. Er hatte den Text gelesen und fragte leise:
„Was wirst du antworten?“

„Gar nichts.“ Sie sperrte das Handy. „Andrea Otto hat immer gesagt, Familie sei heilig. Dann soll ihr Sohn Verantwortung übernehmen.“

Sebastian meldete sich nie wieder. Über Bekannte erfuhr Christina, dass er nun mit seiner Mutter in einer kleinen Einzimmerwohnung lebte, zwei Jobs hatte und kaum über die Runden kam. Andrea Otto erzählte überall, ihre Schwiegertochter habe ihnen das Zuhause genommen.

Christina empfand weder Schadenfreude noch Mitleid. Nur Leere an der Stelle, an der früher etwas Wichtiges gewesen war. Sie hatten sich entschieden, auf wessen Seite sie standen. Sie hatte ebenfalls gewählt – sich selbst.

Einmal gingen sie mit Dominik an einem Einkaufszentrum vorbei, in dem Sebastian arbeitete. Er stand vor dem Eingang in der Uniform eines Verkäufers, rauchte in der Pause, zusammengesunken, sichtbar gealtert. Auf einer Bank saß Andrea Otto, schwere Einkaufstaschen zu ihren Füßen.

Christina ging weiter, ohne langsamer zu werden. Dominik drückte ihre Hand.
„Bereust du es?“

„Was denn?“ Sie schüttelte den Kopf. „Zu gehen? Nicht eine Sekunde.“

Am Abend saßen sie in der Küche, aßen, sprachen über Pläne. Ein gewöhnlicher Abend – ruhig, ohne Vorwürfe, ohne Lärm.

Christina trat ans Fenster. Die Lichter der Stadt glühten, der Abend legte sich sanft über die Straßen. Sie strich mit der Hand über die Fensterbank. Früher hatte Andrea Otto hier gestanden und bestimmt, wo Blumen zu stehen hatten. Jetzt lagen dort Christinas Bücher, Fotos von ihr und Dominik.

„Weißt du“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, „als sie hier lebten, hatte ich jeden Tag das Gefühl, dass das nicht mein Leben war, dass ich irgendwo falsch abgebogen bin.“

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