Die Nachrichten überschlugen sich. Du bist eine Schlange, Sebastian wird sich von dir trennen, das lassen wir dir nicht durchgehen. Christina Vogel speicherte jede einzelne Nachricht, machte Screenshots, legte sie sorgfältig ab. Danach schrieb sie Sebastian Winter nur einen Satz: „Wir treffen uns. Heute. Keine Diskussion.“
Er erschien gegen zehn Uhr abends. Er wirkte ausgelaugt, behielt sogar seine Jacke an, als hätte er es eilig, gleich wieder zu verschwinden.
„Meine Mutter hat deinetwegen Beruhigungstabletten genommen“, schleuderte er ihr entgegen, ohne sie zu begrüßen. „Hast du eigentlich noch alle Sinne beisammen? Du provozierst Streit und ziehst mich da rein.“
Christina reagierte nicht sofort. Sie legte ihr Handy ruhig auf den Tisch, drehte den Bildschirm zu ihm und wischte durch die gespeicherten Bilder. Nachricht um Nachricht. Beleidigungen, Drohungen, Schuldzuweisungen.
„Ich provoziere nichts“, sagte sie ruhig. „Ich ziehe Grenzen.“
Sebastian verzog spöttisch den Mund. „Grenzen? Das sind meine Eltern. Halt das halt noch ein paar Tage aus. Sie fahren bald wieder.“
„Sie fahren gar nicht“, entgegnete Christina und nahm das Handy wieder an sich. „Deine Mutter platzt jeden Morgen ungefragt in mein Schlafzimmer. Dein Vater bestimmt, was ich zu kochen habe. Und du sitzt daneben und schweigst.“
„Ich arbeite“, fuhr er sie an. „Ich habe keine Zeit für eure Weiberdramen.“
Christina stand auf, griff nach ihrer Tasche. „Dann kümmere ich mich selbst darum. Entweder sie packen heute ihre Sachen, oder ich gehe. Und reiche die Scheidung ein.“
Sebastian schwieg. Zehn Sekunden lang musterte er sie, als stünde eine Fremde vor ihm.
„Meinst du das ernst?“, fragte er schließlich.
„Vollkommen“, antwortete Christina, drehte sich um und ging.
Die Nacht verbrachte sie bei ihrer Freundin Louisa Beck. Am nächsten Morgen kam eine Nachricht von Sebastian: „Meine Eltern bleiben. Wenn du gehen willst, geh.“ Christina wählte die Nummer eines Anwalts.
Die Scheidung verlief ohne laute Szenen. Kühl, sachlich, ein paar Unterschriften, fertig. Im Büro sah Sebastian sie an, als könne er nicht glauben, dass sie es tatsächlich durchgezogen hatte. Christina blickte nicht zurück.
Die Vermögensaufteilung zog sich hin. Sebastian blockierte den Verkauf der Wohnung, verweigerte eine Ausgleichszahlung. Am Ende entschied das Gericht: Aufteilung in Anteile. Christina erhielt ein Zimmer. Sie vermietete es sofort an ein junges Paar und zog selbst in ein kleines Studio am Stadtrand.
Sebastian rief ständig an, forderte, die Fremden aus der Wohnung zu werfen. Christina reagierte nicht auf die Anrufe, schrieb nur knapp: „Mein Anteil. Meine Regeln.“ Andrea Otto blieb bei ihrem Sohn. Nun lebten sie zu dritt in der Drei-Zimmer-Wohnung – gemeinsam mit den Mietern.
Drei Monate später meldete sich der Makler, der die Vermietung betreut hatte.
„Christina, wir haben ein Problem. Sebastian zahlt seit zwei Monaten die Hypothek nicht. Die Bank leitet bereits Schritte ein.“
Sie hielt das Telefon fest ans Ohr, als müsse sie sich abstützen.
„Und wenn ich seinen Anteil sofort übernehme? Den gesamten Restbetrag begleiche?“
„Das ist möglich“, sagte der Makler nach kurzer Pause. „Vorausgesetzt, Sie haben das Geld.“
„Das werde ich haben“, sagte Christina, beendete das Gespräch und öffnete ihre Kundenliste.
Zwei Wochen lang lebte sie im Dauerlauf. Sie nahm jeden Auftrag an – dringend, kompliziert, nächtlich. Geschwindigkeit wurde bezahlt, Verhandlungen führte sie keine. Vier Stunden Schlaf, brennende Augen über der Tastatur. Louisa brachte Essen vorbei, schimpfte, flehte – Christina arbeitete weiter.
Eine weitere Woche später saß sie in der Bank. Verträge, Unterschriften, Überweisungen. Der Anteil von Sebastian wurde ausgelöst, die Schulden beglichen. Die Wohnung ging vollständig in Christinas Besitz über.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte die Bankberaterin lächelnd. „Sie sind nun alleinige Eigentümerin.“
