«Die Wohnung gehört mir. Du hast einen Monat, um auszuziehen.» — schrieb Christina kühl, während Sebastian wütend ins Telefon schrie

Mutig, gerecht und befreiend: endlich ihr eigenes Leben.
Geschichten

Ein brutales Poltern gegen die Schlafzimmertür zerriss die Stille um genau 7:03 Uhr.

— Sieben Uhr morgens, und sie pennt schon wieder! — Die schrille Stimme von Andrea Otto drang mühelos durch das Holz. — Sebastian Winter ist längst bei der Arbeit, und diese feine Dame liegt immer noch im Bett!

Keine fünf Sekunden vergingen, da kam derselbe Satz noch einmal, lauter, schärfer, als müsse er sich ins Mauerwerk einbrennen. Sieben Uhr, sie schläft, Sebastian arbeitet, und sie liegt herum.

Christina Vogel schlug die Augen auf und starrte reglos an die Decke. Vier Wochen lebte sie nun mit diesem akustischen Wecksignal. Ihr Körper hatte sich längst daran gewöhnt. Am Abend zuvor hatte sie bis zwei Uhr nachts an einem Bericht gesessen; der Kunde zahlte gut für die Eile. Doch das war Andrea Otto egal. Arbeit bedeutete für sie: pünktlich um acht ins Büro. Alles andere galt als Zeitvertreib.

— Ich weiß genau, dass du wach bist! — dröhnte es erneut. — Steh auf, ich muss sauber machen!

Und wieder wurde derselbe Befehl wiederholt, als hätte Christina beim ersten Mal nicht gehört.

Sie richtete sich auf, schlüpfte in die Hausschuhe und blieb einen Moment vor dem Spiegel stehen. Dunkle Schatten unter den Augen, zerzaustes Haar. Zweiunddreißig — und sie sah aus wie Anfang vierzig. Danke für nichts, Andrea Otto.

In der Küche saß Alexander Stein bereits am Tisch. Vor ihm stand ein Teller mit Hähnchenbrust und Gemüse. Er stocherte lustlos mit der Gabel darin herum, ohne einen Bissen zu nehmen.

— Was soll das sein? — Er blickte zu ihr hoch. — Gras esse ich nicht. Ich brauche richtiges Fleisch.

Er wiederholte es, als müsse Christina es sich einprägen: kein Grünzeug, ordentliches Fleisch.

— Das ist Hähnchen, — sagte sie ruhig und schenkte sich Wasser ein.

— Hähnchen ist kein Fleisch, — mischte sich Andrea Otto ein, die mit einem Geschirrtuch in der Hand aus dem Zimmer kam. — Man fragt vorher, was Gäste essen. Eine Hausfrau denkt an andere, nicht nur an sich selbst.

Auch dieser Satz kam doppelt, fast wortgleich, begleitet von einem belehrenden Blick.

Christina stellte das Glas etwas zu hart auf den Tisch. Wasser schwappte über den Rand.

— Ich arbeite nachts. Ich koche, was ich zeitlich schaffe. Wenn es euch nicht passt, steht euch die Küche offen.

— Arbeiten? — Andrea Otto lachte spöttisch. — Du sitzt am Computer, das meinst du wohl. Sebastian ist den ganzen Tag auf den Beinen und verdient echtes Geld.

Und wiederholte es gleich noch einmal, damit kein Zweifel blieb, wessen Leistung hier zählte.

— Sebastian verdient dreimal weniger als ich, — sagte Christina leise. — Und diese Wohnung habe ich gekauft, nur damit das klar ist.

Die Luft erstarrte. Andrea Otto wurde kreidebleich und klammerte sich an die Stuhllehne.

— Wie kannst du es wagen, über das Gehalt meines Sohnes zu reden?! — Sie wandte sich empört an ihren Mann. — Alexander, hörst du dir das an?

— Ich höre es, — antwortete Alexander Stein und erhob sich. — Aber die Wohnung läuft auf Sebastian. Also hat unser Sohn dich hier aufgenommen.

— Die Anzahlung kam von mir. Den Großteil der monatlichen Raten zahle ebenfalls ich, — entgegnete Christina, griff nach ihrer Laptoptasche und sah beide an. — Wollen wir wirklich weiter darüber sprechen, wer wen aufgenommen hat?

Andrea Otto schrie etwas über Habgier und Gefühlskälte. Christina blendete es aus. Sie zog sich an, verließ die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Drinnen riss etwas endgültig ab.

In einem Café arbeitete sie bis zum Abend, schloss zwei Projekte erfolgreich ab. Ihr Handy vibrierte ununterbrochen — die Nachrichten der Schwiegermutter kamen eine nach der anderen, und Christina wusste, dass das eigentliche Gewitter erst begann.

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