»Überschreib das Ferienhaus auf meine Sandra. Du hast es ohnehin nicht verdient.«
Liam schob den leeren Teller von sich weg, tupfte sich mit einer Papierserviette den Mund ab und sah seine Frau an, als hätte er gerade ein Urteil verkündet.
Theresa erstarrte an der Spüle. Das Wasser prasselte laut in die schmutzige Pfanne, Spritzer landeten auf ihrer Schürze. Langsam drehte sie den Hahn zu. Einen Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben. Oder dass ihr Mann nach dem üppigen Abendessen einen misslungenen Scherz gemacht hatte.
»Sag das noch einmal«, bat sie.
Sie wandte sich nicht einmal um. In ihr stieg nicht die gewohnte Wut auf. Nur ein zähes, schweres Unverständnis breitete sich aus.

»Was soll ich da groß wiederholen?«
Liam hob die Hände und lehnte sich im Kücheneck zurück.
»Ich sage, das Ferienhaus muss auf Sandra umgeschrieben werden. Sie braucht es nötiger. Sie hat ihre Baufinanzierung am Hals und drei Jungs. Die müssen raus an die frische Luft. Und du machst dort doch nur die Beete kaputt und ruinierst dir den Rücken.«
Theresa hielt die Finger unter den Wasserstrahl, spülte sie ab, schüttelte die Tropfen fort und drehte sich schließlich zu ihm um.
Das Haus mit Grundstück hatte sie vor drei Jahren gekauft. Es war ein langer Weg bis dahin gewesen. Zuerst hatte sie die winzige alte Wohnung ihrer Großmutter am äußersten Stadtrand verkauft. Danach hatte sie sämtliche Ersparnisse dazugelegt. Seit der Studienzeit hatte sie jeden Euro beiseitegelegt, auf Urlaube verzichtet und sich selbst neue Stiefel ausgeredet. Das Grundstück war ein Glücksgriff gewesen: ein solides Blockhaus, wenn auch völlig vernachlässigt.
Liam hatte damals keinen Finger krumm gemacht. Er erklärte nur, dieser ganze Gartenglück-Kram sei nichts für ihn. Er sei ein Stadtmensch, und im Boden herumzuwühlen sei Sache von Rentnern.
Zur Renovierung kam er nie mit. Den Zaun reparierte er nicht. Bretter schleppte er keine. In all den drei Jahren nahm er nicht ein einziges Mal einen Hammer in die Hand. Zum Grillen erschien er dagegen zuverlässig. Immer dann, wenn alles schon vorbereitet war. Und am Wochenende brachte er gern noch seine Freunde mit.
Und nun hatte sie es also nicht verdient.
Theresa lehnte sich mit dem Rücken an die Küchenzeile und verschränkte die noch feuchten Arme.
»Na, das wird ja immer interessanter«, sagte sie gedehnt.
Sie betrachtete ihren Mann und konnte kaum fassen, wie ruhig er dabei blieb.
»Ich habe es also gekauft. Ich habe mein Geld hineingesteckt. Ich habe alles hergerichtet. Und jetzt braucht deine Schwester es mehr? Mit welcher Begründung?«
»Mit der, dass wir Familie sind!«, fuhr Liam sie an.
Schwerfällig erhob er sich vom Esstisch, als hätte man ihn in seinen edelsten Gefühlen beleidigt.
»Sandra erstickt in ihrer Zweizimmerwohnung«, setzte er nachdrücklich hinzu. »Die Jungs sind blass wie Kellerkinder. Den ganzen Tag hängen sie an ihren Handys. Einen Kuraufenthalt kann sie sich nicht leisten, dafür braucht man ein Vermögen. Sie stemmt alles allein. Und bei uns steht ein ganzes Haus ungenutzt herum!«
»Es steht nicht ungenutzt herum.«
Theresa schob das Glas mit dem übrig gebliebenen Letscho näher an die Tischkante.
»Ich verbringe dort den ganzen Sommer. Es ist mein Rückzugsort. Nach der Arbeit fahre ich hin, um endlich Ruhe zu haben. Und jedes Wochenende bin ich dort.«
»Ach, hör doch auf!«, winkte Liam ab.
Er ging um den Tisch herum und blieb direkt vor ihr stehen.
»Rückzugsort! Du sitzt da allein herum und wirst immer wunderlicher. Unter Verwandten könnte man auch mal Platz machen. Ich habe es Sandra schon versprochen. Ich habe gesagt, dass sie im Mai einziehen können.«
Theresa blieb die Luft weg.
