Isabella fuhr zu ihr herum, als hätte Laura sie verraten.
„Halt den Mund!“
In Lea stiegen Zorn und eine beinahe absurde Erleichterung zugleich auf. Zorn, weil sich ihr Verdacht bestätigte. Erleichterung, weil sie endlich wusste, dass sie nicht übertrieb, nichts zusammenspann und sich die Dinge nicht nur einbildete.
Die folgenden vierzig Minuten verbrachten Isabella und Laura damit, aufzuräumen.
Nicht, weil Lea sie mit Gewalt dazu brachte. Sie hatte ihnen lediglich zwei Möglichkeiten genannt, so klar und nüchtern, dass kein Spielraum blieb.
Entweder sie brachten das Haus wieder in den Zustand, in dem sie es vorgefunden hatten, und sorgten dafür, dass alles Zurückgenommene wieder an seinen Platz kam.
Oder sie blieben hier und warteten, während Lea Anzeige erstattete.
Am Ende entschieden sie sich für Müllsäcke, Schwämme und Spülmittel.
Laura trug Teller zusammen, mit einer Miene, als verrichte sie eine traurige Pflicht auf einer Beerdigung. Isabella stapfte durch den Garten, hob leere Flaschen auf und murmelte dabei Verwünschungen vor sich hin, die gerade laut genug waren, um gehört zu werden.
Lea setzte sich unter einen Baum und zwang sich, ruhig zu atmen.
Da tauchte Theo auf, der Nachbar aus dem Haus nebenan.
„Gut, dass Sie endlich wieder hier sind, Lea.“
Sie sah ihn irritiert an.
„Wieso sagen Sie das?“
Theo warf einen kurzen Blick zur Terrasse, dann senkte er die Stimme.
„Weil gestern Abend hier bis fast ein Uhr nachts gefeiert wurde. Und das war nicht das erste Mal.“
Ein kalter Schauer lief Lea über den Rücken.
„Gestern Abend?“
„Ja. Ich bin davon ausgegangen, dass Sie es erlaubt haben.“
Lea sah zu Isabella hinüber.
Ihre Schwiegermutter tat so, als höre sie kein Wort.
Theo fuhr leiser fort: „Sie kommen ziemlich regelmäßig. Mal sind es fünf Leute, mal sechs. Vor etwa drei Wochen hatten sie sogar so einen riesigen Lautsprecher dabei. Ihre Schwiegermutter erzählt überall, das Haus gehöre Sebastian und Sie würden es ohnehin kaum benutzen.“
In Lea verschob sich etwas.
Es ging nicht mehr um eine Mikrowelle. Nicht um ein paar Stühle. Nicht um Kleinigkeiten, über die man sich ärgerte und die man irgendwann vergaß.
„Wie oft sind sie hier?“, fragte sie.
Theo verzog das Gesicht. „Ungefähr zweimal im Monat. Meistens sonntags.“
Als der Nachbar wieder gegangen war, betrat Lea die Küche.
Auf einem Regal stand eine Tasche, die sie noch nie gesehen hatte. Sie zog sie herunter und öffnete sie.
Darin lagen Pappteller, Holzkohle, Plastikbecher, Servietten und mehrere Kassenbons aus dem Supermarkt.
Laura erschien in der Tür hinter ihr.
„Das ist Mamas Tasche.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
In diesem Moment vibrierte Lauras Handy auf dem Tisch. Das Display wurde hell.
Lea musste das Gerät nicht einmal in die Hand nehmen. Die Nachricht war vollständig in der Vorschau zu lesen.
„Isa, können wir nächsten Sonntag wieder in dein Haus in Murnau? Ich bringe Fleisch mit.“
Langsam hob Lea den Kopf.
„Dein Haus in Murnau?“
Genau da kam Isabella in die Küche.
„Fang jetzt bloß nicht damit an.“
Lea sah sie an. „Ich möchte wissen, seit wann du mein Eigentum als deins ausgibst.“
„Mach daraus kein Theater.“
„Seit wann?“
Laura presste die Lippen zusammen, dann begannen ihr vor Überforderung die Tränen in die Augen zu steigen.
„Mama hat allen gesagt, Sebastian hätte ihr das Haus überlassen.“
„Laura!“, fauchte Isabella.
„Es ist doch jetzt sowieso raus!“ Laura wischte sich über das Gesicht. „Sie hat auch gesagt, irgendwann gehöre es ja ohnehin der Familie.“
Lea wurde ganz still.
„Was soll das heißen?“
Isabella gab keine Antwort.
Lea drehte sich um und ging zu dem kleinen Raum, in dem sie normalerweise Gartengeräte, alte Töpfe und ein paar Kisten aufbewahrte.
Die Tür war abgeschlossen.
Das war sie sonst nie.
Lea suchte nach dem Schlüssel, fand ihn schließlich und öffnete.
Im ersten Moment blieb sie einfach stehen.
In dem Raum stapelten sich mehrere Taschen, eine Kühlbox, die ihr nicht gehörte, Kisten mit Getränken und ein zusammenklappbarer Tisch.
Nichts davon war ihres.
Der Abstellraum war zu einem Lager geworden.
Offenbar hatte Isabella das Haus seit Monaten Stück für Stück so eingerichtet, als wäre es ihr privater Treffpunkt, ein Ort, über den sie frei verfügen konnte.
Doch ganz hinten, halb verdeckt, entdeckte Lea noch etwas.
Eine kleine Schachtel.
Sie zog sie hervor, öffnete sie und sah mehrere nachgemachte Schlüssel darin liegen.
Lea nahm einen heraus und hielt ihn hoch.
„Wie viele Menschen haben Zugang zu meinem Haus?“
Zum ersten Mal fiel etwas von Isabellas Überheblichkeit ab.
„Lea …“
„Wie viele?“
In diesem Moment hörte man draußen ein Auto vor dem Tor halten.
Sebastian war da.
Isabella sah zu ihrer Tochter.
Laura starrte auf den Boden.
Lea schloss die Finger fest um die Schlüsselkopien.
In weniger als einer Minute würde Sebastian erfahren, was seine Mutter seit Monaten hinter ihrem Rücken getan hatte.
Und niemand konnte sagen, auf wessen Seite er sich stellen würde.
Sebastian kam mit einem Lächeln aufs Grundstück und hatte offensichtlich keine Ahnung, was ihn erwartete.
„Was ist denn los? Ich habe Mamas Auto gesehen …“
Sein Lächeln erlosch.
Vor ihm standen Isabella mit zerzaustem Haar, Laura mit einem Müllsack in der Hand und Lea vor dem Abstellraum, mehrere Schlüssel zwischen den Fingern.
„Was geht hier vor?“
Isabella war schneller als alle anderen.
„Deine Frau ist völlig durchgedreht.“
Lea hätte beinahe gelacht.
Genau damit hatte sie gerechnet.
„Wir sind hergekommen, um ihr zu helfen“, setzte Isabella nach. „Und plötzlich behandelt sie uns wie Einbrecher. Sie hat sogar damit gedroht, die Polizei einzuschalten.“
Sebastian sah zu Lea.
„Stimmt das?“
Lea streckte ihm wortlos die Schlüssel entgegen.
„Kommen dir die bekannt vor?“
Er nahm einen davon und betrachtete ihn.
„Ja. Das ist die Kopie, die ich meiner Mutter gegeben habe.“
„Davon gibt es sechs.“
Sebastians Gesicht veränderte sich.
„Sechs?“
Lea öffnete die Tür zum Geräteraum und trat zur Seite.
„Und allem Anschein nach benutzt deine Mutter dieses Haus seit Monaten für Treffen mit anderen Leuten. Sie kommen her, ohne mir etwas zu sagen. Gestern waren sie bis spät in die Nacht hier. Sie lagert Getränke, Tische und sonstiges Zeug in meinem Abstellraum. Außerdem hat sie unsere Mikrowelle und die Stühle von der Terrasse mitgenommen.“
Sebastian wandte sich an seine Mutter.
„Du hast die Mikrowelle mitgenommen?“
Isabella verschränkte die Arme.
„Ach, Sebastian, bitte. Du klingst ja schon wie ein Polizist.“
„Ich habe dir eine Frage gestellt.“
„Ja, sie steht bei mir in der Wohnung. Und? Hier hat sie doch sowieso niemand gebraucht.“
Sebastian öffnete den Mund, doch für einige Sekunden kam kein Wort heraus.
Laura nutzte sein Schweigen sofort.
„Mama wollte das Haus doch nur ab und zu nutzen. Lea ist doch fast nie hier.“
Dieser Satz riss den letzten Faden von Leas Geduld.
„Ich kann auch nur ein einziges Mal im Jahr herkommen, wenn mir danach ist. Es bleibt trotzdem mein Haus.“
Niemand erwiderte etwas.
Sebastian fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
„Mama, warum hast du Kopien von dem Schlüssel machen lassen?“
„Für den Notfall.“
„Sechs Stück?“
Isabella schwieg.
„Wer hat sie?“
Sie sah zur Seite. „Eine hat Laura.“
„Und die anderen?“
„Zwei Freundinnen.“
Sebastian starrte sie an, als sähe er seine eigene Mutter zum ersten Mal wirklich.
„Du hast fremden Menschen Schlüssel zu einem Haus gegeben, das dir nicht gehört?“
„Jetzt übertreib doch nicht.“
„Und die restlichen?“
Laura holte tief Luft.
„Einen hatte Emil.“
Sebastian drehte sich abrupt zu seiner Schwester.
„Dein Exfreund konnte hier einfach rein?“
„Das war vor Monaten.“
Lea schloss für einen Augenblick die Augen.
Es war schlimmer, als sie angenommen hatte.
Aus einer Geste des Vertrauens hatte Isabella ein vermeintliches Recht gemacht.
Sebastian setzte sich auf eine der Stufen.
„Ich habe dir den Schlüssel gegeben, weil ich dachte, ich könnte dir vertrauen.“
„Ich bin deine Mutter.“
„Das ist keine Antwort.“
Isabella sah ihn empört an.
„Willst du jetzt wirklich gegen mich halten?“
Sebastian hob den Kopf.
„Hier geht es nicht um Seiten. Das Haus gehört Lea.“
Zum ersten Mal wirkte Isabella nicht nur wütend, sondern getroffen.
„Verstehe.“
„Nein, Mama. Fang damit gar nicht erst an. Ich habe dir den Schlüssel für Notfälle gegeben. Falls ein Rohr platzt. Falls es brennt. Falls irgendetwas passiert, bei dem jemand schnell hineinmuss. Nicht, damit du hier Gesellschaften veranstaltest.“
„Gesellschaften?“ Isabella lachte trocken. „Das waren Essen mit Freunden.“
„Mit Menschen, die Lea nicht einmal kennt.“
„Und was haben wir denn so Schreckliches getan?“
Lea zeigte zur Terrasse.
„Der Tisch ist zerkratzt. Im Garten lag Müll. In meinem Aschenbecher waren Zigarettenstummel, obwohl weder Sebastian noch ich rauchen. Sachen sind verschwunden. Und Theo sagt, ihr seid mehrmals im Monat hier.“
Isabella wandte den Blick ab.
