„Die Wohnung gehört mir“ — sagte Helena fest

Wie rücksichtslos und manipulativ kann Familie sein?
Geschichten

„Meine Schwiegermutter stand plötzlich zusammen mit ihrem Sohn und sämtlichen Koffern vor meiner Wohnungstür und verkündete ganz selbstverständlich: ‚Mach auf, wir ziehen jetzt bei dir ein!‘“, erzählte ich später mit bitterem Spott – während meine Finger bereits die Nummer der Polizei wählten.

Helena Sommer saß regungslos da, das Smartphone fest umklammert, und las zum dritten Mal dieselbe Nachricht. Der Notar bestätigte nüchtern, was sie innerlich schon gefeiert hatte: Die Unterlagen zum Erbe ihres Großvaters waren endgültig abgeschlossen. Die Dreizimmerwohnung mitten im Stadtzentrum gehörte nun offiziell ihr allein. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als würde ihr das Herz vor Glück aus der Brust springen. Doch kaum hatte sich die Freude gesetzt, kroch eine unangenehme Unruhe in ihr hoch. Wie würde ihre Schwiegermutter darauf reagieren?

Beatrice Winter, die Mutter ihres Mannes, lebte inzwischen seit fünf Jahren mit dem jungen Ehepaar in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Stadtrand. Nachdem sie ihre eigene Wohnung verkauft hatte, war sie zu ihrem Sohn gezogen – angeblich, um später bei den Enkeln zu helfen. Doch Kinder hatte es bis heute nicht gegeben. Stattdessen hatte sich diese angekündigte „Unterstützung“ in eine permanente Kontrolle verwandelt, bei der jede Bewegung der Schwiegertochter kommentiert wurde.

Helena wählte die Nummer ihres Mannes.

„Hallo Jonas, ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“

„Was ist passiert?“, fragte er sofort, alarmiert.

„Der Notar hat angerufen. Die Wohnung von meinem Großvater ist jetzt endgültig auf mich überschrieben.“

„Großartig!“, rief Jonas begeistert. „Endlich haben wir genug Platz und ein richtig schönes Zuhause!“

„Einen Moment bitte“, bremste Helena vorsichtig. „Wir hatten doch darüber gesprochen, dass das meine persönliche Angelegenheit bleibt. Mein Großvater hat mir die Wohnung ausdrücklich allein vermacht.“

„Natürlich, Liebling“, antwortete Jonas beschwichtigend. „Aber wir sind doch eine Familie. Ist es wirklich so wichtig, auf wessen Namen sie läuft?“

Ein unangenehmes Frösteln breitete sich in Helenas Brust aus. In letzter Zeit benutzte Jonas diesen Satz auffallend häufig – immer dann, wenn es um ihre eigenen Wünsche, Entscheidungen oder Besitztümer ging.

Am Abend, als Helena nach Hause kam, wartete Beatrice Winter bereits in der Küche. Sie saß am Tisch, hatte eine Tasse Tee vor sich stehen und trug dieses vielsagende Lächeln im Gesicht, das nichts Gutes verhieß.

„Helena, setz dich doch. Wir müssen reden.“

Helena nahm ihr gegenüber Platz, innerlich auf Alarm gestellt. Wenn ihre Schwiegermutter so freundlich begann, folgte meist ein Sturm.

„Unser Jonas hat mir von der Wohnung deines Großvaters erzählt“, begann Beatrice. „Eine wunderbare Nachricht! Drei Zimmer im Zentrum – davon kann man nur träumen.“

„Ja, ich freue mich auch“, erwiderte Helena knapp.

„Dann ist ja alles klar“, fuhr die ältere Frau fort. „Morgen fangen wir an zu packen. Wir ziehen als ganze Familie um.“

Helena verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.

„Wie bitte? Was haben Sie gerade gesagt?“

„Na was wohl?“ Beatrice sah sie erstaunt an. „Wir ziehen in die neue Wohnung. Ich habe mir auch schon überlegt, welches Zimmer ich nehme. Das mit dem Balkon. Frische Luft ist schließlich wichtig für meine Gesundheit.“

„Beatrice Winter“, sagte Helena bemüht ruhig, „Jonas und ich haben über einen Umzug noch gar nicht im Detail gesprochen.“

„Was gibt es da zu besprechen?“ Beatrice winkte ab. „Die Wohnung ist groß genug für alle. Meine Möbel passen problemlos rein. Und renovieren muss man sowieso sofort, die Tapeten sind bestimmt uralt.“

In Helena brodelte es inzwischen heftig.

„Das ist mein Erbe“, sagte sie fest. „Und ich entscheide, was damit geschieht.“

Beatrice riss entsetzt die Augen auf.

„Dein Erbe? Mein Kind, du bist verheiratet! Du hast einen Mann, du hast eine Familie! So egoistisch kann man doch nicht sein.“

„Ich bin nicht egoistisch“, entgegnete Helena ruhig. „Ich möchte nur selbst über das verfügen, was mir mein Großvater hinterlassen hat.“

„Ach so!“, fauchte Beatrice, schob den Stuhl laut zurück und stand auf. „Also sind wir dir jetzt fremd? Seit fünf Jahren leben wir unter einem Dach, und trotzdem zählen wir für dich nicht als Familie!“

Sie presste sich theatralisch eine Hand aufs Herz und verschwand in ihrem Zimmer. Kurz darauf war lautes Schluchzen zu hören.

Am Abend kam Jonas mit finsterer Miene nach Hause. Kaum hatte er die Schuhe abgestreift, steuerte er direkt in die Küche, wo Helena gerade das Abendessen vorbereitete.

„Meine Mutter weint“, sagte er ohne Begrüßung. „Was ist hier passiert?“

„Deine Mutter hat beschlossen, dass wir alle in die Wohnung meines Großvaters ziehen“, antwortete Helena beherrscht. „Sie hat bereits geplant, wer welches Zimmer bekommt – und genau darüber müssen wir jetzt dringend sprechen.“

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