»Du willst also die Träume deiner Verwandtschaft mit Krediten finanzieren? In dieses Theater ziehst du mich nicht hinein, auf mich brauchst du nicht zu hoffen«, sagte seine Frau mit fester Stimme.
Der Juliabend lag schwer und stickig über der Zweizimmerwohnung in der Baumeisterstraße. Julia saß im Sessel am Fenster und ließ in Gedanken immer wieder die Ereignisse der vergangenen Wochen an sich vorbeiziehen.
Mit ihren fünfunddreißig Jahren galt die Grundschullehrerin als jemand, dem kaum etwas entging. Sie bemerkte kleine Veränderungen, unausgesprochene Spannungen, winzige Einzelheiten, über die andere achtlos hinwegsahen. Im Unterricht war diese Gabe unbezahlbar: Bei den Kindern spürte sie sofort, wenn etwas nicht stimmte. Doch nun machte ihr genau diese Aufmerksamkeit das eigene Familienleben schwer.
Ihr Mann Maximilian arbeitete als leitender Ingenieur in einem Werk für Stahlbetonfertigteile. Mit achtunddreißig hatte er sich den Ruf eines zuverlässigen Fachmanns erworben. Er verdiente ordentlich, wurde von seinen Kollegen geschätzt und galt als Mensch, auf dessen Wort man sich verlassen konnte.
In den sieben Jahren ihrer Ehe hatte Julia sich daran gewöhnt, die finanziellen Fragen ihm zu überlassen. Maximilian führte das Haushaltsbudget, plante größere Anschaffungen, legte Geld für Urlaube zurück und sorgte dafür, dass für unvorhergesehene Ausgaben immer etwas auf der Seite lag.

Ende Mai hatte er ihr jedoch eine unangenehme Mitteilung gemacht.
»Julia, mit dem Urlaub wird es dieses Jahr schwierig«, sagte er. »Wir kommen gerade so hin. Die Prämien wurden gekürzt, die Abgaben sind gestiegen. Es wäre vernünftiger, keine Reise zu planen. Wir bleiben lieber zu Hause und ruhen uns hier aus.«
Julia war enttäuscht, widersprach aber nicht. Die Familienkasse war schließlich nicht unerschöpflich, und ihr Lehrergehalt ließ keine großen Sprünge zu. Also beschlossen sie, die Sommerferien im kleinen Haus ihrer Eltern auf dem Land zu verbringen, in der Nähe von Kirchdorf. Bescheiden, ja — aber wenigstens mit frischer Luft und etwas Ruhe.
Dann jedoch gerieten ihre Pläne durch einen Zufall ins Wanken. Mitte Juni feierte Andreas, einer von Maximilians Kollegen aus dem Werk, seinen Geburtstag. Julia begleitete ihren Mann, lernte die Ehefrauen der anderen Ingenieure kennen und unterhielt sich freundlich über Kinder, Alltag und Haushalt.
Nach dem dritten Trinkspruch wurde Andreas gesprächiger und begann, Neuigkeiten aus dem Betrieb zu erzählen.
»Unser Max hat im April eine richtig schöne Sonderzahlung bekommen«, sagte er gut gelaunt. »Fünfzehnhundert Euro für die Einführung der neuen Technologie. Ganz ehrlich, ich beneide ihn. So eine Summe könnte ich auch gut gebrauchen.«
Julia erstarrte, das Glas noch in der Hand. Fünfzehnhundert Euro? Maximilian hatte ihr erzählt, die Prämien seien gekürzt worden und es reiche nicht einmal für einen einfachen Urlaub. Sie sah zu ihrem Mann hinüber, doch der sprach gerade mit anderen Gästen und schien Andreas’ Bemerkung überhaupt nicht gehört zu haben.
Auf dem Heimweg saßen sie schweigend nebeneinander. Julia ging jedes Wort noch einmal durch und suchte nach einer ruhigen Formulierung. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen.
»Max«, begann sie, »Andreas hat von deiner Prämie erzählt. Fünfzehnhundert Euro — das ist sehr viel Geld. Warum hast du gesagt, es sei keines da?«
Maximilian blickte sie ohne sichtbare Unruhe an.
»Geld ist da«, antwortete er. »Ich habe es nur bereits angelegt. Auf ein Sparkonto mit guten Zinsen. Später entscheiden wir gemeinsam, wofür wir es verwenden. Vielleicht vergrößern wir uns wohnlich, vielleicht tauschen wir das Auto aus.«
Julia glaubte ihm. Ihr Mann war immer vernünftig gewesen und hatte langfristig gedacht. Wenn Maximilian der Meinung war, dass man die Summe besser zurücklegen sollte, dann hatte das vermutlich seinen Grund. Man musste eben Geduld haben.
Doch etwa einen Monat später begannen seltsame Dinge. Sobald sein Telefon klingelte, wurde Maximilian nervös. Er nahm den Anruf hastig entgegen, ging in ein anderes Zimmer und sprach dort mit gedämpfter Stimme. Fragte Julia nach, bekam sie nur ausweichende Antworten.
»Arbeit. Wir lösen gerade ein Problem bei einem Projekt.«
Oder:
»Die Auftraggeber machen Druck. Sie wollen alles sofort.«
An den Wochenenden verschwand er irgendwohin. Mal behauptete er, er müsse Subunternehmer treffen, mal Baustellen besichtigen, mal technische Fragen klären. Zurück kam er müde, gereizt und verschlossen. Zu Hause ließ er sich aufs Sofa fallen, schaltete den Fernseher ein und bat darum, in Ruhe gelassen zu werden.
»Ich arbeite wie ein Besessener«, klagte er dann. »Wenigstens daheim möchte ich mich erholen dürfen.«
Julia drängte ihn nicht zu Spaziergängen oder gemeinsamen Unternehmungen. Sie wusste, dass er eine anstrengende Phase durchmachte. Den Sommer verbrachte sie deshalb größtenteils allein: Sie las, traf sich mit Freundinnen und kümmerte sich um die Blumen auf dem Balkon.
An einem Abend im August kam Maximilian noch später nach Hause als sonst. Er aß, duschte und setzte sich anschließend im Wohnzimmer mit dem Laptop an den Tisch. Nach etwa zwanzig Minuten klingelte sein Telefon in der Küche. Hastig stand er auf und ließ sogar den Rechner aufgeklappt zurück.
»Ja, hallo, ich höre«, drang seine Stimme aus der Küche. »Morgen kann ich nicht, da ist etwas Familiäres. Übermorgen komme ich, dann sehen wir es uns an.«
Julia wollte ihm Tee bringen, doch im Vorbeigehen fiel ihr Blick unwillkürlich auf den Bildschirm des Laptops. Dort war eine E-Mail geöffnet, daneben ein Anhang mit einer Bauzeichnung: ein eingeschossiges Haus mit ausgebautem Dachgeschoss, Veranda und einer großen Wohnküche. Es war ein schönes, sorgfältig durchdachtes Projekt.
