„Irgendjemand muss es ihr endlich einmal sagen.“ sagte sie verurteilend am Esstisch

Diese peinliche Einmischung fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

„Mama …“

„Was denn?“

„Es war nicht nur dieses eine Mal.“

Jetzt wandte auch ich den Blick zu ihm.

„Wie meinst du das?“

Markus schwieg einige Sekunden lang.

Hannah hingegen sah plötzlich aus, als würde sie am liebsten im Boden verschwinden.

„Ich unterstütze sie seit ein paar Monaten finanziell“, sagte er schließlich.

„Seit wie vielen Monaten?“

„Markus“, fiel Hannah ihm hastig ins Wort, „du musst ihr nicht alles erzählen.“

Das war ein Fehler.

Ein gewaltiger sogar.

Markus sah seine Mutter ruhig, aber unmissverständlich an.

„Sie ist meine Frau.“

„Trotzdem betrifft das nur uns beide.“

„Nicht, wenn das Geld von unserem gemeinsamen Konto abgeht.“

Hannah verstummte.

Es störte mich nicht, dass Markus seiner Mutter half. Darum ging es überhaupt nicht.

Was mich störte, war die Tatsache, dass mir eine Frau gegenübersaß, die regelmäßig Geld von ihrem Sohn annahm und mich gleichzeitig hinstellte, als würde ich sein Vermögen verprassen.

„Wie viel?“, fragte ich.

Markus zögerte einen Augenblick.

„Meistens zwischen dreihundert und fünfhundert Euro.“

„Jeden Monat?“

Er nickte.

Marlene hätte beinahe ihre Gabel fallen lassen.

„Mama bekommt jeden Monat bis zu fünfhundert Euro von dir?“

„Nicht jeden Monat!“, wehrte Hannah ab.

Markus blickte sie an.

„Aber ziemlich oft.“

Jonas sagte kein einziges Wort.

In meinem Kopf begann ich bereits zu rechnen.

„Seit wann läuft das?“

„Ungefähr seit acht Monaten.“

Ich starrte Markus an.

Dann wanderte mein Blick zu Hannah.

Und mit einem Mal wirkte diese ganze Szene beinahe absurd.

„Gut“, sagte ich langsam. „Nur damit ich sicher bin, dass ich alles richtig verstehe.“

Hannah presste die Lippen aufeinander.

„Lea …“

„Nein. Ich möchte es wirklich begreifen. Ich gebe 186 Euro von meinem eigenen Gehalt für Kleidung aus und bin deshalb eine verschwenderische Frau, die deinen Sohn irgendwann mittellos zurücklassen wird.“

Ich deutete auf Markus.

„Aber wenn er dir Monat für Monat drei- bis fünfhundert Euro überweist, dann spielt das keine Rolle?“

„Ich bin seine Mutter.“

„Und dadurch hört Geld plötzlich auf, Geld zu sein?“

„Du hast keine Ahnung von meiner Lage.“

„Da hast du recht. Habe ich nicht. Weil du sie mir nie erklärt hast.“

„Ich bin dir keine Rechenschaft über meine finanziellen Schwierigkeiten schuldig.“

„Dann hast du auch kein Recht, mich wegen meiner Einkäufe auszufragen.“

Hannah öffnete den Mund.

Doch diesmal kam kein Wort heraus.

Marlene sah ihre Mutter an.

„Wofür brauchst du denn so viel Geld?“

„Ich habe eben Ausgaben.“

„Die haben wir alle.“

„Meine Rente reicht nicht für alles.“

„Wofür reicht sie nicht?“, fragte Markus.

Hannah sah ihn überrascht an.

„Das weißt du doch ganz genau …“

„Ich weiß nur das, was du mir am Telefon erzählst.“

„Na also …“

„Aber ich habe dich nie gebeten, mir deine Ausgaben zu zeigen.“

Hannah erstarrte.

„Muss ich mich jetzt vor meinem eigenen Sohn für jeden einzelnen Cent rechtfertigen?“

Ich konnte mich nicht zurückhalten.

„Interessant.“

Alle Köpfe drehten sich zu mir.

„Was?“, fragte Hannah scharf.

„Interessant, wie empört dich allein der Gedanke macht, deine Ausgaben erklären zu müssen, während du immer noch meinen Kassenbon in der Hand hältst.“

Marlene schlug sich die Hand vor den Mund.

Dieses Mal gelang es ihr nicht mehr, ihr Lächeln zu verbergen.

Hannah legte den Bon sofort auf den Tisch.

„Das ist etwas völlig anderes.“

„Natürlich. Ich gebe mein eigenes Geld aus, und du bekommst einen Teil von Markus’ Geld.“

„Ich gebe sein Geld nicht aus! Er unterstützt mich.“

„In Ordnung. Dann hör bitte auf zu behaupten, ich wäre diejenige, die ihn ruiniert.“

Hannah drehte sich zu Markus um.

„Hörst du, wie sie mit mir spricht?“

Markus sah seine Mutter einige Sekunden lang schweigend an.

„Ja.“

„Und du willst dazu nichts sagen?“

„Doch.“

Auf Hannahs Gesicht erschien Erleichterung.

Allerdings nur für einen sehr kurzen Moment.

„Ich will sagen, dass Lea recht hat.“

Hannahs Züge erstarrten.

„Was?“

„Du kannst nicht mein Geld annehmen und dann hierherkommen und ihr vorwerfen, sie würde es ausgeben.“

„Ich bin deine Mutter!“

„Und sie ist meine Frau.“

„Ich habe dich großgezogen.“

„Und dafür bin ich dir dankbar.“

LebensKlüber