„Irgendjemand muss es ihr endlich einmal sagen.“ sagte sie verurteilend am Esstisch

Diese peinliche Einmischung fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

Langsam hob ich den Blick. Mein Mann Markus hatte aufgehört, das Fleisch auf seinem Teller zu schneiden. Seine Schwester Marlene saß wie erstarrt da, die Gabel noch halb in der Luft.

Jonas, Marlenes Ehemann, sah erst zu Hannah hinüber und dann zu mir.

Es war Sonntag.

Wir saßen alle gemeinsam am Esstisch und versuchten, ein Familienessen zu genießen, das noch vor ungefähr einer halben Minute erstaunlich friedlich gewesen war. Ich hatte Hähnchen aus dem Ofen gemacht, dazu Kartoffeln, eine große Schüssel Salat und Gemüse.

Hannah hatte Kuchen mitgebracht. Marlene und Jonas waren mit einer Flasche Wein gekommen.

Und ich hatte den schrecklichen Fehler begangen, einen Kassenbon auf der Küchenarbeitsplatte liegen zu lassen.

Hannah hatte ihn entdeckt.

Und selbstverständlich hatte sie ihn gelesen.

„Wie bitte?“, fragte ich.

Hannah tippte mit dem Finger auf den Zettel.

„Hundertsechsundachtzig Euro.“

Ich warf einen Blick auf das Papier.

„Ja.“

„Ja? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“

„Ich weiß nicht, was du von mir hören möchtest.“

„Hundertsechsundachtzig Euro für Kleidung!“

Markus stieß einen müden Seufzer aus.

„Mama …“

„Nein, Markus. Irgendjemand muss es ihr endlich einmal sagen.“

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück.

Diesen Satz kannte ich viel zu gut.

„Irgendjemand muss es ihr endlich einmal sagen.“

Hannah benutzte ihn immer genau dann, wenn sie im Begriff war, sich in etwas einzumischen, das sie nicht das Geringste anging.

„Ich habe mir Kleidung gekauft“, erwiderte ich ruhig. „Ich habe keine Bank überfallen.“

Marlene senkte den Kopf, um ihr Grinsen zu verbergen.

Hannah fand daran allerdings überhaupt nichts amüsant.

„Drei Blusen, eine Hose, ein Paar Schuhe und ein Mantel.“

Überrascht sah ich sie an.

„Du hast den Bon ja wirklich gründlich studiert.“

„Er lag eben da.“

„In meiner Küche. Auf meiner Arbeitsplatte.“

„Und?“

„Du hättest ihn einfach liegen lassen können.“

Hannah verschränkte die Arme vor der Brust.

„Lenk nicht vom Thema ab.“

„Das tue ich nicht. Ich versuche nur zu verstehen, weshalb du meine Einkäufe kontrollierst.“

„Weil sich offenbar endlich einmal jemand um Markus kümmern muss.“

Diesmal war ich es, die seufzte.

Seit fast zwölf Jahren war ich mit ihrem Sohn verheiratet.

Und in diesen zwölf Jahren hatte Hannah Hunderte Gründe gefunden, sich angeblich Sorgen um ihn zu machen.

Kauften wir einen Fernseher, war er zu teuer.

Ersetzten wir das alte Sofa, hätte das frühere ihrer Meinung nach noch mindestens fünf Jahre gehalten.

Gingen wir essen, warfen wir das Geld zum Fenster hinaus.

Fuhren wir in den Urlaub, handelten wir verantwortungslos.

Brachte Markus mir Blumen mit, galt das als völlig unnötige Ausgabe.

Und wenn ich mit einer neuen Tasche auftauchte, konnte Hannah sie eine halbe Stunde lang anstarren, als würde sie im Kopf ausrechnen, wie viel vom Geld ihres Sohnes darin verschwunden war.

Das Merkwürdigste daran war, dass sie fast nie fragte, wer diese Dinge eigentlich bezahlt hatte.

Sie ging einfach automatisch davon aus, dass es Markus gewesen war.

„Mama, Lea arbeitet“, sagte Markus.

„Ich weiß, dass sie arbeitet.“

„Wo liegt dann das Problem?“

Hannah zeigte auf mich.

„Das Problem ist, dass du seit du mit ihr zusammen bist viel mehr Geld ausgibst.“

Ich lachte kurz auf.

„Jetzt bin ich also auch noch dafür verantwortlich, was Markus kauft?“

„Tu nicht so unschuldig.“

„Das tue ich nicht.“

„Früher konnte mein Sohn sparen.“

Markus legte sein Besteck beiseite.

„Das kann ich immer noch.“

„Danach sieht es aber nicht aus.“

„Mama …“

„Sieh dich doch nur in diesem Haus um! Dauernd steht hier irgendetwas Neues.“

Ich ließ den Blick durch den Raum wandern.

„Was ist denn hier neu?“

Hannah deutete in Richtung Wohnzimmer.

„Diese Lampe.“

„Die haben wir seit acht Monaten.“

„Die Kaffeemaschine.“

„Die haben wir zu Weihnachten geschenkt bekommen.“

„Die Vorhänge.“

„Die haben wir vor drei Jahren gekauft.“

Marlene konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Hannah funkelte sie verärgert an.

„Das ist nicht komisch.“

„Ein bisschen schon“, murmelte Marlene.

An dieser Stelle hätte ich das Gespräch beenden sollen.

Wirklich.

Doch Hannah sah erneut auf den Kassenbon.

„Hundertsechsundachtzig Euro für Kleidung … In deinem Alter hätte ich niemals so viel für mich selbst ausgegeben, wenn ich eine Familie gehabt hätte.“

„Ich schon.“

„Das sehe ich.“

„Weil ich es mir leisten kann.“

LebensKlüber