Mit schier müheloser Eleganz füllte Clara den Raum. Drehungen gingen fließend ineinander über, die Sprünge wirkten schwerelos, als würde der Boden sie kaum berühren. Klassisches Ballett und Walzer verbanden sich zu einer Einheit, und es schien, als hätte sie nicht nur den Rhythmus verstanden, sondern ihn sich unterworfen.
Im Saal hielt man unwillkürlich den Atem an. Vor den Augen der Gäste stand keine unsichere Dienstbotin mehr, die um jeden Schritt ringen musste, sondern eine Künstlerin, die sich selbst neu erschuf – kraftvoll, lebendig, unübersehbar.
Das selbstzufriedene Lächeln von Johannes Falkenberg zerbröselte. Theresas starre Maske löste sich auf. In Sebastians Blick lag unverhohlene Bewunderung.
Clara beendete den Tanz mit einer Folge atemberaubender Fouettés und verharrte schließlich in einer Haltung voll Ruhe und Würde. Die Stille danach war fast schmerzhaft, bevor sie in einem Sturm aus Beifall zerplatzte: Jubelrufe, Pfiffe, Menschen, die sich von ihren Sitzen erhoben, während die Kronleuchter leise bebten.
Die Enthüllung
Konstantin Berger, der Sicherheitschef, trat nach vorn. In seiner Hand hielt er ein Smartphone, auf dessen Display eine Aufnahme lief.
„Meine Damen und Herren“, sagte er laut und klar, „gestatten Sie mir, Ihnen Clara Neumann vorzustellen – einst Erste Solistin des Nationalballetts der USA.“
Ein kollektives Keuchen ging durch die Menge. Theresa flüsterte fassungslos:
„Aber … nach dem Unfall hieß es doch, sie sei … erledigt.“
Clara hob ruhig das Kinn. „Wie Sie sehen, waren die Berichte über mein Ende deutlich übertrieben.“
Johannes’ Gesicht verlor jede Farbe. In diesem Moment begriff er, dass er eine der berühmtesten Tänzerinnen des Landes öffentlich gedemütigt hatte – und dass jede Sekunde davon festgehalten worden war.
Sebastian trat entschlossen vor. „Mademoiselle Neumann, ich entschuldige mich für das beschämende Verhalten meines Vaters. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.“
„Wage es nicht!“, fuhr Johannes ihn an.
Doch Clara lächelte gelassen. „Herr Falkenberg, wir haben eine Abmachung. Halten Sie sich daran – oder über zweihundert Zeugen werden erfahren, wie wenig Ihr Ruf tatsächlich wert ist.“
Sebastian nahm ihre Hand. „Ich werde mein Wort halten. Nicht aus Zwang, sondern weil jeder Mann stolz wäre, an der Seite einer Frau mit Ihrer Stärke und Haltung zu stehen.“
Erneut brandete Applaus auf – diesmal galt er nicht nur Claras Talent, sondern auch ihrem Mut.
Die Folgen
Am nächsten Morgen ging Konstantins Video um die Welt. Schlagzeilen wie „Milliardär demütigt Hausangestellte – und trifft eine Ballettlegende“ verbreiteten sich rasant. Falkenberg Holdings verlor innerhalb weniger Stunden wichtige Verträge, Geschäftspartner forderten Johannes’ Rücktritt, und Theresa reichte die Scheidung ein.
Sebastian hingegen fand endlich seine eigene Stimme. „Du hast dich selbst verraten“, sagte er ruhig, als sein Vater ihm Verrat vorwarf. „Du hast Arroganz über Menschlichkeit gestellt.“
Clara wurde von Angeboten überhäuft: Bühnenengagements, Filmrollen, Vorträge. Am meisten berührte sie jedoch eine Einladung von Kindern aus einem kleinen Gemeinschaftszentrum, wo sie einst unterrichtet hatte und deren Bitte den Auftakt zu etwas Größerem bilden sollte.
