— Mit anderthalb bis zweitausend Euro zusätzlich müssten wir rechnen — sagte ich.
— Sie werden ja wohl nicht jeden Tag Hummer bestellen.
— Zwei Erwachsene, zwei Kinder, achtundsiebzig Tage. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Duschen, Wäsche, Strom, Klimaanlage …
— Sie werden sicher auch selbst einkaufen.
— Haben sie das gesagt?
Er schwieg.
— Haben sie dir das ausdrücklich gesagt, Maximilian?
— Nein.
— Dann frag sie.
Am nächsten Morgen schrieb Maximilian Lang an Matthias Fuchs.
Nach kaum zehn Minuten kam die Antwort.
„Klar kaufen wir auch mal was ein. Wir dachten nur, dass wir ziemlich viel sparen können, wenn wir bei der Familie wohnen. Dieses Jahr ist es finanziell bei uns etwas eng.“
Ich las die Nachricht zweimal.
— Siehst du? — sagte Maximilian. — Sie kaufen auch ein.
— Ich habe vor allem einen anderen Satz gelesen.
— Welchen denn?
— „Ziemlich viel sparen.“
Maximilian legte sein Handy weg.
— Fang jetzt nicht damit an.
Ich fing nicht an.
Ich wartete nur.
Drei Tage später eröffnete Julia Hermann eine WhatsApp-Gruppe. Der Name lautete: „Gemeinsamer Sommer ☀️“.
Darin waren Julia, Matthias, Maximilian, Theresa Braun und ich.
Julias erste Nachricht bestand aus einer Liste.
„Damit wir alles gut planen können! ❤️
Wir kommen am 12. Juni um 13:40 Uhr an.
Es wäre super, wenn Maximilian uns am Bahnhof abholen könnte.
Sandra, könntest du bitte den Schrank in deinem Arbeitszimmer leer räumen? Wir nehmen ziemlich viele Sachen mit.
Die Kinder können ja bei Mia schlafen.
Wir bräuchten zwei Schlüsselsets.
Habt ihr Fahrräder für die Kinder?
Ach ja, und Matthias muss an ein paar Vormittagen arbeiten, deshalb braucht er eine stabile Internetverbindung.“
Ich starrte auf das Display.
Keine einzige echte Frage stand darin.
Es war alles bereits beschlossen.
Kurz darauf erschien die nächste Nachricht.
„Und kauft bitte nicht zu viel Essen ein, bevor wir da sind, Jonas ist nämlich extrem wählerisch 😂 Ich schicke euch gleich eine Liste.“
Eine Minute später war die Liste da.
Hafermilch.
Joghurt von einer ganz bestimmten Marke.
Müsli ohne Zucker.
Putenbrustaufschnitt, aber nur eine bestimmte Sorte.
Mineralwasser.
Fruchtsaft ohne Fruchtfleisch.
Vollkornbrot aus einer bestimmten Bäckerei.
Vanilleeis „ohne Stückchen“.
Dann noch:
„Matthias trinkt keinen normalen Kaffee, nur entkoffeinierte Kapseln.“
Ich holte tief Luft.
Maximilian war bei der Arbeit.
Ich antwortete nicht.
Um fünf Uhr nachmittags kam die nächste Nachricht.
Diesmal von Theresa Braun.
„Sandra, Julia fragt, ob du vielleicht auch die Hälfte von eurem Schlafzimmerschrank freimachen könntest. Im Arbeitszimmer wird nämlich nicht alles hineinpassen.“
In diesem Moment war meine Entscheidung endgültig gefallen.
Ich klappte meinen Laptop auf.
Dann suchte ich nach Hotels und Ferienwohnungen in unserer Umgebung.
Im Juni und Juli waren die Preise hoch.
Vor allem so nah am Meer.
Ein Apartment für vier Personen kostete zwischen 110 und 160 Euro pro Nacht.
Ich machte einen Screenshot.
Anschließend öffnete ich wieder die Familiengruppe.
Ich tippte eine Nachricht.
Las sie noch einmal von Anfang bis Ende.
Dann drückte ich auf „Senden“.
„Hallo zusammen. Ich glaube, hier ist ein großes Missverständnis entstanden. Maximilian hat dem Besuch zugestimmt, weil er davon ausging, dass es um ein paar Tage geht. Inzwischen wissen wir aber, dass ihr von 78 Tagen sprecht. Das würde bedeuten, dass mein Arbeitszimmer zum Schlafzimmer werden müsste, Mia ihr Zimmer teilen müsste, wir unser Auto zur Verfügung stellen müssten, unsere Arbeit neu organisieren müssten und wir fast drei Monate lang zu sechst in einem Haus leben würden.
Deshalb möchte ich das jetzt klar sagen: Für den ganzen Sommer können wir euch nicht bei uns aufnehmen.
Wir freuen uns, euch zu sehen, und selbstverständlich könnt ihr vom 12. bis zum 16. Juni bei uns bleiben.
Für den restlichen Urlaub müsst ihr euch aber bitte eine Unterkunft buchen.
Ich schicke euch gleich ein paar Möglichkeiten in der Nähe.“
Exakt siebzehn Sekunden vergingen.
Julia tippte.
Dann hörte sie wieder auf.
Matthias tippte.
Auch er brach ab.
Theresa rief Maximilian an.
Ich hörte, wie sein Handy im Arbeitszimmer vibrierte.
