Karoline Stein begriff, dass sie keinen Hebel mehr hatte. Das Spiel war entschieden.
— Schon gut, wir finden schon irgendwo ein Dach über dem Kopf! — fauchte sie und winkte ab. — Erniedrige dich nicht weiter vor dieser …
Den Satz beendete sie nicht. Stattdessen stürmte sie ins Wohnzimmer, riss Schranktüren auf und stopfte ihre Ikonen hastig in Plastiktüten, als müsse sie vor einem Feuer fliehen.
— Verflucht soll diese Wohnung sein! — keifte sie, während sie den Flur auf und ab hetzte. — Mögest du an deinen Quadratmetern ersticken! Am Ende bleibst du allein, hörst du? Niemand braucht dich! Ohne Mann bist du nichts! Egoistin!
Emilia Hartmann stand im Türrahmen des Schlafzimmers, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah schweigend zu. Es tat weh. Unerträglich weh. Hier zerbrach nicht nur eine Ehe — etwas in ihr, ihr Vertrauen in Menschen, wurde gleich mit zermahlen. Der Mann, den sie geliebt hatte, entpuppte sich als willenloses Werkzeug, bereit, ihr Leben auf Befehl seiner Mutter zu ruinieren.
Und doch schob sich durch den Schmerz ein anderes Gefühl: Erleichterung. Weit, klar, fast befreiend. Als hätte sie jahrelang eine stinkende Last mit sich herumgetragen und sie nun endlich abgeworfen.
— Und was ist mit der Anzahlung? — fragte Anton Ludwig plötzlich. Er blieb mit dem Koffer an der Wohnungstür stehen. Er wirkte jämmerlich: ausgeleierte Jogginghose, unsteter Blick. — Mama, wir haben doch Geld genommen … Dreißigtausend Euro. Das müssen wir zurückgeben.
— Dann soll sie zahlen! — Karoline zeigte mit dem Kinn auf Emilia. — Ihre Schuld! Sie hat alles platzen lassen!
Anton sah Emilia flehend an.
— Emi … ehrlich … die machen uns fertig. Kannst du uns nicht etwas leihen? Wenigstens zehntausend? Du hast doch Rücklagen … Wir schreiben auch eine Schuldanerkennung!
Emilia betrachtete ihn, als wäre er Luft.
— Die Schlüssel, — sagte sie ruhig und streckte die Hand aus.
Anton zögerte.
— Die Schlüssel! — ihre Stimme peitschte durch die Wohnung, Gläser im Schrank klirrten.
Er zuckte zusammen, kramte hektisch in der Tasche und warf den Bund auf die Kommode.
— Das wirst du bereuen, — murmelte er. — Ich war das Beste in deinem Leben.
— Du warst mein größter Irrtum, — entgegnete Emilia. — Und zum Glück korrigiere ich ihn jetzt und nicht erst, wenn ich auf der Straße stehe.
Sie öffnete die Tür.
— Lebt wohl. Und merkt euch eines: Erhalte ich auch nur einen Anruf oder eine Nachricht, liegt bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige wegen Betrugsversuchs.
Karoline Stein schritt mit erhobenem Kinn hinaus auf den Hausflur, doch ihre Hände zitterten unter dem Gewicht der Tüten. Anton trottete hinterher, zusammengesackt, innerlich zerbrochen.
Die Tür fiel ins Schloss. Emilia drehte den Schlüssel zweimal um. Klick. Klick.
Stille.
Sie lehnte die Stirn gegen das kalte Holz. Die Tränen, die sie so lange festgehalten hatte, brachen hervor. Sie rutschte an der Tür hinab, saß auf dem Boden und weinte hemmungslos — um drei Jahre ihres Lebens, um eine Liebe, um Träume von einem gemeinsamen Altwerden, die nie hätten wahr werden dürfen.
Da vibrierte ihr Handy. Emilia zog es mit zitternden Fingern hervor. Eine Nachricht von der Bank:
„Sehr geehrte Kundin, wir informieren Sie darüber, dass heute eine Anfrage zu Ihrer SCHUFA-Auskunft durch die SchnellKredit GmbH erfolgt ist.“
Ihr Herz setzte aus. Hastig wischte sie sich die Tränen vom Gesicht und öffnete das staatliche Serviceportal.
Unter den letzten Aktivitäten stand: „Erteilung einer Zustimmung zur Abfrage der Bonität“. Uhrzeit: 03:00 Uhr nachts.
Anton. Während sie geschlafen hatte, hatte er nicht nur Unterlagen für den Wohnungsverkauf vorbereitet. Er hatte versucht, auf ihren Namen einen Kredit aufzunehmen, um Löcher zu stopfen, solange die Wohnung angeblich „vermarktet“ wurde.
Die Wut kehrte zurück und trocknete die Tränen augenblicklich.
Emilia stand auf, ging in die Küche und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hände waren ruhig.
Sie klappte den Laptop auf. Zuerst änderte sie sämtliche Passwörter — Bank, E-Mail, Serviceportale. Danach reichte sie online eine Anzeige bei der Polizei ein. Anschließend beauftragte sie den Austausch der Türschlösser.
Sie trat ans Fenster. Draußen fiel Regen und spülte den Schmutz von den Gehwegen.
— Schon gut, — sagte sie leise in den leeren Raum. In ihren Raum. — Ich schaffe das. Ich verdiene mein Geld selbst. Ich überlebe. Aber ihr …
Vor ihrem inneren Auge sah sie Anton, wie er dem angeblichen Käufer stammelnd das Fehlen des Geldes erklärte, und Karoline Stein, die vor Gläubigern die Fassung verlor.
— Ihr habt bekommen, was ihr verdient habt.
Emilia nahm einen Schluck Wasser. Es schmeckte frisch, klar. Genau wie ihr neues Leben, das in diesem Moment begann. Ohne Parasiten. Ohne Lügen. Und ohne Schwiegermutter.
Am Abend würde sie Pizza bestellen. Mit gutem, teurem Käse. Und sie würde sie allein essen — Bissen für Bissen, in stiller, kostbarer Freiheit.
