— …mit dem ausdrücklichen Recht zur Veräußerung von Immobilien? — beendete Emilia den Satz und sah Anton fest an.
Anton Ludwig wurde kreidebleich. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie den Text tatsächlich Zeile für Zeile prüfen würde.
— Wo… wo steht das? — Er beugte sich hastig über den Tisch. — Ach das… Das ist doch nur ein Standardformular! Reine Routine. Da sind alle möglichen Befugnisse aufgeführt, damit man nicht wegen jeder Kleinigkeit neu zum Amt rennen muss. Falls man mal einen Grundbuchauszug braucht oder eine Bescheinigung vom Einwohnermeldeamt. Wirklich nichts Besonderes. Eine Formalie, Emilia. Mach dir keinen Kopf.
— Eine Formalie? — Sie legte den Stift ruhig beiseite. — Die Erlaubnis, meine Wohnung zu verkaufen, soll eine Kleinigkeit sein?
— Niemand redet vom Verkaufen! — Antons Stimme überschlug sich. — Spinnst du? Glaubst du etwa, ich würde dich übers Ohr hauen? Ich bin dein Mann! Ich tue das für uns! Wir brauchen die Steuererstattung, das ist Geld, das uns zusteht!
Im Türrahmen des Schlafzimmers erschien Karoline Stein. Die Arme fest vor der üppigen Brust verschränkt, musterte sie ihre Schwiegertochter mit einem schweren, reglosen Blick. Von der freundlichen Großmutterfassade war nichts mehr übrig.
— Was soll dieses Theater, Emilia? — donnerte sie. — Anton rennt seit Tagen, sammelt Unterlagen, organisiert alles, und du stellst dich quer? Unterschreib endlich und hör auf, allen die Nerven zu ruinieren. Mir schießt bei deinem Gezicke schon der Blutdruck durch die Decke.
— Ihr Blutdruck macht Probleme, Karoline Stein? — Emilia erhob sich langsam. Die Angst war verschwunden, an ihre Stelle trat eine klare, frostige Wut. — Keine Sorge. Das lässt sich gleich regulieren.
Sie ging zum Schrank, öffnete ihn und holte eine kleine Dokumentenbox hervor, in der sie die Unterlagen zur Wohnung aufbewahrte.
— Was hast du vor? — fragte Anton misstrauisch.
— Ich überprüfe etwas, — entgegnete sie knapp. — Sag mal, Anton, kennst du § 263 des Strafgesetzbuches? Betrug. Besonders interessant wird es, wenn er gemeinschaftlich und mit Vorsatz begangen wird.
— Du redest wirres Zeug, — zischte Karoline und trat ins Zimmer. — Welcher Betrug denn bitte? Wir sind eine Familie! Wir wollten doch nur das Beste!
— Für wen das Beste? — Emilia wirbelte herum, die Papiere fest in der Hand. — Für eure Gläubiger?
Der Raum versank in einer bedrückenden Stille, so dicht, dass sie fast körperlich spürbar war. Karoline lief rot an, fleckig im Gesicht. Anton starrte auf den Boden, kleinlaut wie ein ertappter Schüler.
— Du… du hast uns belauscht? — hauchte er.
— Ich habe genug gehört, — sagte Emilia hart. — Vom angeblichen Angeld. Davon, dass ich „sowieso nicht wegkann“. Und davon, dass meine Wohnung herhalten soll, um die Schulden deiner Mutter zu stopfen.
— Emilia, hör mir zu! — Anton sprang auf und versuchte, sie zu umarmen. — Das ist alles nicht so gemeint! Mama steckt in Schwierigkeiten. Sie wurde übers Ohr gehauen, hat Geld in irgendeine Genossenschaft gesteckt, und dann war alles weg! Die Zinsen laufen, Inkasso steht vor der Tür! Wir wollten deine Wohnung nur vorübergehend verkaufen, die Schulden begleichen und danach… danach hätten wir einen Kredit aufgenommen. Für uns alle. Ein großes Haus!
— Vorübergehend meine Wohnung verkaufen? — Emilia lachte, und dieses Lachen ließ beide zusammenzucken. — Hörst du dir selbst eigentlich zu? Du wolltest mich obdachlos machen, um deine Mutter vor den Folgen ihrer eigenen Dummheit zu retten? Und mich hast du nicht einmal gefragt?
— Fragen?! — Karoline verlor endgültig die Beherrschung. — Du bist jung, du kannst arbeiten! Ich bin eine alte Frau, mich bringen diese Schulden noch ins Grab! Du bist Teil unserer Familie, also hast du auch Pflichten! Deine Wohnung hast du geerbt, geschenkt bekommen! Nicht hart erarbeitet! Da kann man wohl ein Opfer bringen!
Da war es. Das wahre Gesicht. Neid. Schwer, klebrig, giftig. Für sie war Emilias Erbe kein Recht, sondern Beute.
— Raus, — sagte Emilia leise.
— Wie bitte? — Karoline schnappte empört nach Luft.
— Raus aus meiner Wohnung. Beide. Sofort.
— Das kannst du nicht! — kreischte Anton. — Ich wohne hier! Das ist auch mein…
— Dir gehört hier gar nichts, — unterbrach Emilia ihn kühl. — Du bist hier nicht einmal gemeldet. Dein offizieller Wohnsitz ist bei deiner Mutter. In genau der Wohnung, die ihr offenbar schon beliehen oder verkauft habt, wenn ihr nun meine braucht. Packt eure Sachen. Ihr habt eine Stunde. Danach rufe ich die Polizei. Und glaub mir, Anton: Euer Gespräch in der Küche habe ich aufgezeichnet. Ab dem ersten Satz lief das Diktiergerät.
Es war gelogen. Sie hatte nichts aufgenommen. Doch der Bluff saß perfekt. Anton wurde aschfahl.
— Du hast meine Mutter aufgenommen? — flüsterte er entsetzt. — Was bist du nur für ein Mensch?
— Beweg dich endlich, du Idiot! — brüllte Karoline ihn an, und in ihrer Stimme lag bereits das hysterische Beben einer Frau, die begriffen hatte, dass dieses Spiel verloren war.
