…bis sie überhaupt begreift, was passiert ist, liegt das Geld längst auf unseren Konten. Wir erzählen ihr einfach, wir hätten alles in den Bau eines Hauses gesteckt. Zeigen ein gegossenes Fundament, ein paar hübsche Visualisierungen vom Architekten. Während sich angeblich etwas bewegt, während angeblich gebaut wird, vergeht Zeit. Und Zeit spielt für uns. Jahre, wenn es sein muss.
Emilia Hartmann presste sich instinktiv die Hand auf den Mund, um keinen Laut von sich zu geben. Was sie gerade gehört hatte, war mehr als Verrat. Es war ein kalt kalkulierter Raubzug. Es ging nicht nur darum, ihre Wohnung zu veräußern. Sie wollten sie vollständig ausbluten lassen und das Ganze mit einer erfundenen Geschichte von einem „Einfamilienhaus“ tarnen, das es vermutlich nicht einmal als Skizze gab.
„Schulden“, hallte plötzlich ein Wort in ihrem Kopf wider. Karoline Steins Stimme. „Zur Begleichung deiner Angelegenheit.“
Vor etwa einer Woche war Emilia im Flur zufällig über einen Brief der Bank gestolpert, adressiert an Karoline Stein. Der Umschlag hatte offen auf der Kommode gelegen. Sie hatte bewusst weggesehen, aus Anstand. Jetzt aber ergab alles Sinn. Die stets sparsame, ständig moralisierende Schwiegermutter, die sie wegen jeder Scheibe Käse zurechtgewiesen hatte, steckte offenbar bis zum Hals in einer finanziellen Katastrophe. Kredite? Eine dubiose Anlage? Vielleicht sogar ein Schneeballsystem. Und um sich selbst zu retten, war sie bereit, die Wohnung der eigenen Schwiegertochter den Gläubigern zum Fraß vorzuwerfen.
Und Anton Ludwig? Ihr Anton. Der liebevolle, aufmerksame Mann, dem sie vertraut hatte? Er machte mit. Ohne Zögern. Ohne Skrupel. „Muttersöhnchen“, dachte Emilia bitter. Nein — schlimmer. Er war Komplize.
Lautlos, darauf bedacht, kein Dielenbrett zum Knarren zu bringen, schlich sie zurück ins Schlafzimmer. Ihr Herz raste so heftig, dass sie fürchtete, es müsse hörbar sein. Ein Teil von ihr wollte in die Küche stürmen, den Tisch umwerfen, ihnen jedes einzelne Wort entgegen schleudern, das sie gehört hatte. Doch sie hielt inne.
Nein. Geschrei und Tränen würden ihr nichts nützen. Sie würden beschwichtigen, lügen, auf Mitleid setzen. „Wir meinten es doch gut.“ „Das ist für die Familie.“ „Du hast alles falsch verstanden.“ Anton würde feuchte Augen bekommen, Karoline Stein dramatisch nach ihrem Herzen greifen. Und Emilia kannte sich selbst gut genug, um zu wissen: In einem schwachen Moment könnte sie nachgeben. Könnte glauben.
Sie brauchte einen klaren Kopf.
Langsam setzte sie sich auf die Bettkante und atmete tief durch. Sie wollten ein Spiel mit ihr treiben? Gut. Sie würde mitspielen. Aber nach ihren Regeln.
— Emilia, bist du wach? — Anton steckte den Kopf zur Tür herein. Auf seinem Gesicht lag diese vertraute, sanfte Miene. In den Händen hielt er eine Tasse. — Ich hab dir Kaffee gemacht. So wie du ihn magst. Mit Zimt.
Wie konnte er sie so ansehen? Wie konnte er lächeln, wissend, dass er plante, ihr in wenigen Stunden den Boden unter den Füßen wegzuziehen? Emilia blickte ihn an und sah zum ersten Mal keinen Ehemann mehr, sondern einen Fremden. Glatt, unaufrichtig.
— Danke, — antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln. Es fühlte sich steif an, fast schmerzhaft. Anton bemerkte nichts. Er war zu sehr mit seiner Rolle beschäftigt.
— Übrigens, — setzte er an, stellte die Tasse auf den Nachttisch und ließ sich neben sie sinken. Dabei griff er nach ihrer Hand. Seine Finger waren leicht feucht. — Ich hab ein paar Unterlagen für das Finanzamt vorbereitet. Erinnerst du dich an die Sache mit der Rückerstattung wegen der Zahnbehandlung? Die Frist läuft bald ab. Ich hab alles ausgefüllt, du musst nur noch unterschreiben.
Da war es.
— Klar, Schatz, — sagte Emilia ruhig und zog ihre Hand zurück, als wolle sie sich eine Strähne aus dem Gesicht streichen. — Gib her. Ich unterschreibe schnell, dann kannst du es abschicken.
Antons Gesicht hellte sich sichtbar auf. Er sprang auf, verschwand im Flur und kam kurz darauf mit einer schmalen Mappe zurück.
— Also, hier ist der Antrag, hier die Aufstellung… und hier, — er schob ihr ein Blatt hin, über dem ein anderes lag und die Überschrift verdeckte, — das ist nur die Einwilligung zur Datenverarbeitung für den Dienstleister, der das einreicht. Unten unterschreiben reicht.
Emilia nahm den Stift. Ihr Blick glitt über das Papier. Die Schrift war klein, doch einzelne Passagen stachen ihr sofort ins Auge: „… bevollmächtige Markus Friedrich, mich vor sämtlichen Behörden zu vertreten … mit dem Recht zur Veräußerung von Immobilien … Entgegennahme von Geldbeträgen …“
Ihr wurde schlagartig kalt.
Das war keine harmlose Zustimmung. Es war eine Generalvollmacht. Eine umfassende, ernsthafte Vollmacht. Ob sie bereits notariell vorbereitet war oder ob Anton plante, die Beglaubigung später irgendwie zu organisieren, war nebensächlich. Vielleicht war es auch ein bewusst eingesetzter Entwurf, um Druck auszuüben. Oder ein erster Schritt für etwas Größeres.
Egal wie — die Absicht war eindeutig.
— Anton, — sagte Emilia langsam und hob den Blick zu ihm. — Warum steht hier eigentlich …
