«Du warst mein größter Irrtum,» — entgegnete Emilia und öffnete die Tür

Wie verlogen, feige und unbarmherzig diese Nähe ist.
Geschichten

— Sie wird nichts merken, Mama, mach dir keine Sorgen. Ich lege ihr die Unterlagen heute Abend vor, wenn sie nach dem Monatsabschluss völlig erledigt ist. Ich erzähle ihr, das seien Formulare für die Steuererstattung. Sie wird sie nicht einmal durchlesen, setzt einfach ihre Unterschrift dort, wo die Kreuze sind.

Emilia Hartmann erstarrte hinter der halb geöffneten Küchentür. Für einen Moment schien ihr Herz auszusetzen, um gleich darauf so heftig zu schlagen, dass es ihr die Luft nahm. Diese Stimme – sanft, beschwichtigend, mit einem Anflug gespielter Demut – gehörte ihrem Ehemann Anton Ludwig. Dem Mann, mit dem sie seit drei Jahren das Bett, den Morgenkaffee und die Pläne für die Zukunft teilte.

— Bist du dir sicher, mein Junge? — Die Stimme ihrer Schwiegermutter Karoline Stein klang vollkommen anders als sonst. Keine Spur von der süßlichen Freundlichkeit, mit der sie Emilia bei Besuchen überschüttete. Jetzt war sie kühl, sachlich, hart wie das Klacken einer Registrierkasse. — Die Wohnung liegt mitten im Zentrum, der Käufer wartet nicht ewig. Er hat bereits angezahlt. Wenn Emilia sich querstellt, müssen wir das Doppelte zurückzahlen. Und dieses Geld habe ich nicht, das weißt du.

— Sie wird sich nicht querstellen, — winkte Anton ab, und Emilia hörte das leise Klirren eines Teekesseldeckels. — Sie vertraut mir. Sie glaubt doch, wir würden einfach größer planen. Und wenn sie begreift, dass die Wohnung verkauft ist und das Geld zur Begleichung deiner… na ja, dieser Angelegenheit verwendet wurde, ist es längst zu spät. Sie weint ein bisschen und beruhigt sich wieder. Wohin soll sie schon gehen? Wir sind doch eine Familie.

Emilia zog sich lautlos in den dunklen Flur zurück. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Watte, als hätte man ihnen jede Festigkeit genommen. In ihrem Kopf hallte nur ein einziger Satz wider: Wohin soll sie schon gehen?

„Diese Angelegenheit“? Welche Angelegenheit? Und warum war ihre Wohnung, das Erbe ihrer Großmutter, ihr einziger Rückzugsort und Schutzraum, plötzlich zur Verhandlungsmasse in einem geheimen Spiel zwischen Ehemann und Schwiegermutter geworden?

Vor drei Jahren, kurz nach der Hochzeit, war Karoline Stein ihr wie die perfekte Schwiegermutter erschienen. Keine ungefragten Ratschläge, keine überraschenden Besuche, stattdessen selbstgebackene Kuchen, die Anton mitbrachte. Eine goldene Frau, hatte Emilia damals gedacht und sich glücklich geschätzt. Freundinnen erzählten Horrorgeschichten von Schwiegermüttern, die mit weißen Handschuhen Staub suchten. Ihre hingegen war eine lächelnde, rundliche Frau mit freundlichem Blick.

Die ersten Warnsignale hatten vor etwa einem halben Jahr begonnen. Zunächst klagte Karoline Stein über ihre Gesundheit. „Das Herz spielt verrückt, der Blutdruck auch, und allein in einer Zweizimmerwohnung habe ich nachts Angst.“ Anton hatte nicht gezögert und vorgeschlagen, sie solle bei ihnen einziehen. „Nur vorübergehend, Emilia, bis die Ärzte alles abgeklärt haben.“ Emilia hatte zugestimmt. Wie hätte sie einer angeblich kranken Frau die Tür weisen sollen?

Aus dem „vorübergehend“ wurde Dauerzustand. Die Schwiegermutter nahm das Wohnzimmer in Besitz. Überall stapelten sich Medikamentenschachteln, gehäkelte Deckchen, Ikonen und vergilbte Fotoalben, die sich wie Schimmel in der ganzen Wohnung ausbreiteten. Doch schlimmer als das Chaos war die Veränderung der Stimmung.

— Emilia, hast du schon wieder diesen teuren Käse gekauft? — seufzte Karoline Stein und sortierte die Einkäufe. — Wozu so verschwenderisch? Im Discounter um die Ecke gibt es einen deutschen Schnittkäse im Angebot, halb so teuer. Du kannst einfach nicht mit Geld umgehen, Liebes. Anton schuftet, und du lässt das Geld zum Fenster hinausfliegen.

Emilia schwieg. Sie verdiente selbst genug, um sich genau den Käse zu leisten, den sie mochte. Aber mit der „kranken“ Mutter ihres Mannes zu diskutieren erschien ihr kleinlich.

Anton, der früher stets zu ihr gehalten hatte, begann plötzlich, seiner Mutter recht zu geben.

— Emilia, Mama hat nicht ganz unrecht. Wir müssen sparen. Wir wollten doch immer ein Haus, erinnerst du dich? Unser eigenes, groß, mit Garten.

Der Traum vom Haus war einmal ihrer beider Traum gewesen. Doch jetzt, im dunklen Flur lauschend, begriff Emilia, dass dieser Traum nur ein Köder gewesen war. Ein Haken, an dem man ihr Vertrauen befestigt hatte.

— Und wenn sie zu einer Anwältin geht? — fragte Karoline Stein erneut. — Sie hat doch diese Freundin, Luisa Köhler, die in einer Kanzlei arbeitet.

— Ach, Mama, — Anton schnaubte leise. — Wozu die Aufregung? Eine Generalvollmacht. Ich mische sie unter die Steuerunterlagen. Sie unterschreibt mir die Vollmacht zur Verfügung über das Eigentum, und damit ist alles erledigt. Ich ziehe den Verkauf selbst durch, ihre Anwesenheit braucht es nicht einmal. Danach regeln wir den Rest Schritt für Schritt.

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