Einige Zeit später kam es erneut zu einem Treffen. Andrea bat Moritz und mich schon vorher, am Ende erst einmal die Rechnung für den Tisch zu übernehmen. Die Schwestern versprachen, ihre Beträge anschließend zu überweisen. Eine von ihnen tat das auch. Die andere vergaß es, und ich ließ es dabei, weil ich keine Lust hatte, wegen Geld hinterherzulaufen.
Mit der Zeit rutschte das Ganze in eine Art unausgesprochene Gewohnheit. Alle zwei oder drei Monate saßen wir irgendwo zusammen, und fast jedes Mal landete die Zwischenrechnung schließlich bei mir. Mal schickte jemand später seinen Anteil, mal gab Moritz mir etwas von seinem Geld zurück. Doch immer häufiger blieb der größte Teil am Ende an mir hängen.
Ich verdiente ein wenig mehr als mein Mann, und Restaurantbesuche brachten unser Haushaltsbudget nicht ins Wanken. Deshalb machte ich mir lange keinen großen Kopf darum. Moritz übernahm dafür andere Ausgaben in der Familie. Für mich fühlte es sich damals so an, als würde ich eben Menschen einladen, die mir nahestanden und mit denen ich selbst an diesem Tisch saß.
Sophie machte irgendwann sogar einen Witz darüber.
„Mit Lena kann man wunderbar essen gehen. Sie hat ihre Karte immer als Erste in der Hand.“
Damals lachte ich mit.
Jetzt klang dieser Satz in meiner Erinnerung allerdings nicht mehr besonders lustig.
Moritz fuhr gegen halb sieben los. Ich machte mir etwas zu essen, schaltete eine Serie ein und dachte nicht weiter an das Restaurant. Bis auf meinem Handy ein Foto der Rechnung auftauchte: 318,40 Euro.
Ich überwies nichts.
Ein paar Sekunden lang starrte ich auf Moritz’ Nachricht, weil ich zunächst glaubte, er habe mir das Bild aus reiner Gewohnheit geschickt und würde gleich selbst merken, wie absurd das wirkte.
Doch unmittelbar danach kam noch eine Nachricht von ihm.
„Lena, schick mir das bitte kurz. Wir klären das später.“
Ich tippte zurück:
„Moritz, ihr habt heute beschlossen, ohne mich essen zu gehen. Dann bezahlt dieses Essen bitte auch ohne mich. Warum soll ich eine Runde finanzieren, zu der ich nicht einmal eingeladen war?“
Er rief fast sofort an.
„Ist das jetzt dein Ernst?“, fragte er. „Ich verstehe ja, dass du gekränkt bist, aber wir sitzen hier schon, und die Rechnung ist da.“
„Und was genau hindert euch daran, sie zu bezahlen?“
„Ich hatte nicht mit der kompletten Summe gerechnet. Ich dachte, du überweist es wie sonst auch, und zu Hause schauen wir dann weiter.“
Gerade dieses „wie sonst auch“ traf mich am meisten.
„Sonst saß ich wenigstens mit am Tisch. Heute wurde mir klargemacht, dass ich nicht dazugehöre, aber meine Bankkarte gehört offenbar weiterhin zur Familie.“
Moritz atmete hörbar schwer aus und sagte, er wolle vor allen anderen keinen Streit anfangen. Ich erwiderte, dass es keinen Streit geben müsse. Am Tisch säßen sechs erwachsene Menschen, und jeder von ihnen könne seine eigene Bestellung bezahlen.
Wir legten auf, ohne laut geworden zu sein.
Ein paar Minuten später schrieb Sophie.
„Lena, warum machst du ausgerechnet jetzt so ein Theater? Wir wollten einfach nur einen Abend in Ruhe zusammensitzen. Niemand wollte dich verletzen. Moritz ist davon ausgegangen, dass du ihm das Geld schickst, wie immer.“
