Der Montag nahm eine Wendung, als plötzlich genau jener Haushaltsplan auf den Tisch kam, der bislang unbeachtet geblieben war.
„Wer hat den Vertrag mit dem Subunternehmen vorbereitet?“ Der Geschäftsführer blätterte durch die Unterlagen, seine Stimme blieb sachlich, aber scharf. „Hier gibt es eine Abweichung von vierzigtausend Euro.“
Ein schweres Schweigen senkte sich über den Konferenzraum.
Katharina Vogel saß Luisa Winter gegenüber, scheinbar unbeeindruckt, und trank in aller Ruhe ihren Kaffee.
„Das Dokument stammt von Katharina“, sagte Luisa klar und ohne Umschweife. „Unterschrieben habe ich es allerdings nicht.“
„Und weshalb nicht?“ Der Geschäftsführer hob fragend die Augenbrauen.
„Weil die Zahlen manipuliert sind. Das Subunternehmen hat bestätigt, dass keine neue Preisliste freigegeben wurde.“
Für einen Sekundenbruchteil zuckte Katharina zusammen, fing sich jedoch rasch.
„Luisa, meinst du das ernst?“ entgegnete sie mit gespielter Empörung. „Das war ein Versehen. Die Assistentin hat die falsche Datei angehängt.“
„Merkwürdig nur“, erwiderte Luisa ruhig, „dass dieses ‚Versehen‘ exakt vierzigtausend Euro mehr Gewinn ausgewiesen hätte. Und ebenso merkwürdig ist, dass die Kopie des alten Vertrags plötzlich aus dem Serverordner verschwunden ist.“
Andreas Beck legte die Papiere beiseite und musterte beide Frauen.
„Wir gehen der Sache nach. Noch heute.“
Nach der Besprechung lag eine beinahe gespenstische Stille über der Abteilung.
Luisa zog sich in ihr Büro zurück, ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie wusste: Jetzt war der Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab.
Gegen Mittag kam die Nachricht aus der Buchhaltung:
„Abweichung bestätigt. Die Originaldatei wurde am 11. Oktober um 19:46 Uhr vom gemeinsamen Laufwerk gelöscht.“
Luisa musste nicht lange überlegen, wer an diesem Abend bis acht Uhr im Büro gewesen war. Nur Katharina.
Eine Stunde später wurden beide erneut zum Geschäftsführer gebeten.
Katharina sprach schnell, bestimmt, mit einem Anflug gekränkter Würde:
„Das ist eine Falle. Ich habe nichts verändert. Mein Kind wartet zu Hause, ich verbringe meine Nächte nicht hier. Jemand anderes muss daran gewesen sein.“
„Die Protokolle werden Klarheit schaffen“, entgegnete Andreas Beck ruhig. „Bis dahin, Katharina, nehmen Sie bitte einen freien Tag. Bis zum Abschluss der Prüfung.“
Als Katharina den Raum verließ und die Tür demonstrativ hinter sich zuschlug, ließ Luisa erstmals die Schultern sinken.
Doch Erleichterung stellte sich nicht ein. Nur eine tiefe, bleierne Erschöpfung.
Am Abend zu Hause setzte sie Wasser für Tee auf und blickte auf ihr Handy. Wieder eine Nachricht von Jonas Feldmann:
„Luisa, ich meine es ernst. Lass uns reden. Ohne Vorwürfe. Ich will dich sehen.“
Lange starrte sie auf den Bildschirm. Dann tippte sie schließlich:
„Morgen. Sieben Uhr. Das Café neben der U-Bahn.“
Am nächsten Tag war sie früher da. Bestellte einen Cappuccino und nahm am Fenster Platz.
Jonas kam etwa zehn Minuten später. Er sah aus wie immer – und doch nicht: müde, gezeichnet, ohne die frühere Selbstsicherheit.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte er leise.
„Sprich“, antwortete Luisa nüchtern.
„Ich… ich will das nicht verlieren. Ich war ein Idiot. Habe dich nicht gesehen, nicht gemerkt, wie schwer alles für dich war. Ich dachte, es läuft, bis du gegangen bist.“
Sie hörte zu. Ihr Kaffee wurde kalt.
„Du hast es nicht bemerkt, weil du es nicht bemerken wolltest“, sagte sie schließlich. „Ich habe damals nur Rückhalt gebraucht. Kein Geld, keine Lösungen – nur ein gutes Wort.“
Jonas senkte den Blick.
„Ich weiß. Ich habe es zu spät verstanden.“
„Ja“, sagte Luisa ruhig. „Zu spät.“
Er atmete tief ein, sah sie an, als wolle er sich jedes Detail einprägen.
„Also ist es vorbei?“
Luisa lächelte sanft.
„Nein. Vorbei ist es erst, wenn man nichts mehr fühlt. Ich fühle noch etwas. Nur etwas anderes. Vielleicht Müdigkeit. Und Ruhe.“
Jonas nickte langsam.
„Ich werde dich nicht vergessen.“
„Musst du auch nicht“, erwiderte sie. „Leb einfach anständig.“
Als sie das Café verließ, fielen draußen die ersten Schneeflocken des Jahres – nass, vereinzelt. Luisa zog den Mantelkragen hoch und ging Richtung U-Bahn. Alles wirkte still.
Zur selben Zeit geriet im Büro alles ins Wanken.
Die Untersuchung bestätigte den Verdacht: Die Dokumente waren manipuliert worden. Von Katharinas Rechner aus.
Andreas Beck berief eine kurze Sitzung ein.
„Nach Entscheidung der Geschäftsführung arbeitet Katharina Vogel nicht länger für dieses Unternehmen. Luisa, Ihr Team hat das Projekt – und unseren Ruf – gerettet. Danke.“
Es gab keinen Applaus. Nur einen kurzen, angespannten Moment der Stille.
Die Blicke der Kolleginnen und Kollegen hatten sich verändert. Kein Misstrauen mehr – sondern Anerkennung.
Am Abend, als alle gegangen waren, stand Luisa am Fenster ihres Büros. Unten zogen Autolichter ihre Spuren, der Schnee fiel dichter.
Sie nahm ihr Handy und schrieb ihrer Mutter, Helena Brandt:
Luisa: „Es ist vorbei. Ich habe es geschafft.“
Helena: „Ich wusste es. Und jetzt fang an zu leben – nicht nur zu überleben.“
Luisa lächelte und legte das Telefon beiseite.
Zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, wieder frei atmen zu können.
In den folgenden Wochen fand alles langsam in einen neuen Rhythmus. Die Arbeit lief ruhig, das Team stabil.
Manchmal, spät abends bei Überstunden, merkte Luisa, dass die Angst verschwunden war. Geblieben war Gewissheit: Was zerbrochen war, war nicht umsonst zerbrochen.
Eines Tages blieb ihr Blick an einem Plakat im Schaufenster einer Buchhandlung hängen:
„Projektmanagement für weibliche Führungskräfte. Karriere aufbauen – ohne sich selbst zu verlieren.“
Sie blieb stehen. Dachte kurz nach. Und kaufte ein Ticket. Ohne großen Plan.
Im Frühling stand sie wieder vor demselben Café, in dem sie Jonas getroffen hatte. Kein Schnee mehr, nur der Geruch von nassem Asphalt und milde Luft.
Ein Latte in der Hand, ein neues Projekt im Kopf.
Ein junges Paar ging lachend an ihr vorbei. Sie sah ihnen nach – und stellte überrascht fest, dass es nicht mehr wehtat.
Das Leben hatte sich nicht schlagartig verändert. Es fühlte sich nur nicht mehr fremd an.
Spät abends zu Hause holte sie die alte Kiste hervor – die mit Briefen, Tickets, Fotos. Sie sah alles durch und warf es dann sorgfältig weg.
Ohne Tränen. Ohne Schmerz.
Auf der Fensterbank standen die zwei Kakteen. Gewachsen. In Blüte.
Luisa lächelte und flüsterte:
„Gut gemacht. Wir halten durch.“
Sie löschte das Licht, legte sich hin und schlief ein – ruhig, ohne schwere Gedanken, ohne Erwartungen. Nur mit dem stillen Gefühl, dass alles seinen richtigen Weg nahm.
Und tief in ihr wurde es endlich still.
