Er sah sie an, lange, prüfend, und in diesem Blick lag nichts Tröstendes. Luisa begriff in diesem Moment, dass sie sich nicht verhört hatte: In seiner Stimme hatte keine Ermutigung gelegen, sondern Kalkül. Er hatte nicht gesagt: Ich vertraue dir, sondern etwas völlig anderes gemeint — Es lohnt sich.
— Ich brauche Zeit — brachte sie schließlich hervor.
— In Ordnung. — Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. — Aber vergiss nicht: Solche Chancen tauchen kein zweites Mal auf.
Der nächste Morgen begann mit dem schrillen Ton des Telefons. Helena Brandt rief an. Luisa stand im Bad, die Zahnbürste im Mund, während Jonas Feldmann in der Küche laut redete — absichtlich so, dass sie jedes Wort hören konnte.
— Ja, Mama, natürlich. Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich darum. Ja, Luisa wird schon zustimmen, wohin sollte sie denn sonst gehen?
Sie spuckte den Schaum aus und erstarrte.
Wohin sollte sie denn sonst gehen — der Satz hallte in ihr nach wie ein Echo, das nicht verstummen wollte.
Das Gespräch in der Küche war letztlich nur die Fortsetzung all dessen, was sich über Monate angesammelt hatte. Alles war längst gesagt worden — nur hatte es niemand wirklich hören wollen.
— Schon gut — meinte Jonas irgendwann und schaute demonstrativ zur Seite. — Wenn du nicht helfen willst, dann lass es eben.
— Ich will, dass du selbst aufhörst, deine Mutter ständig zwischen uns zu schieben — entgegnete sie ruhig. — Mehr verlange ich nicht.
Er sah sie an, müde, hoffnungslos, als stünde ihm jemand gegenüber, mit dem es keinen Sinn hatte, weiterzureden.
— Luisa, du machst alles unnötig kompliziert.
— Und du reduzierst alles auf das Einfachste — sie erhob sich vom Tisch. — Vielleicht drehen wir uns genau deshalb seit Jahren im Kreis.
Sie ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Auf dem Handy öffnete sie den Chat mit ihrem Vorgesetzten. Die Nachricht hatte sie bereits zum dritten Mal getippt und wieder gelöscht:
„Ich nehme das Angebot an. Ab Montag bin ich bereit, zu beginnen.“
Ihr Finger schwebte einen Moment lang über dem Senden-Button. Sie atmete tief durch. Dann tippte sie darauf.
Das Display leuchtete kurz auf. Stille.
Aus der Küche klirrte Geschirr. Jonas telefonierte vermutlich wieder mit seiner Mutter.
Luisa trat ans Fenster und dachte, dass Erwachsenwerden vielleicht genau so begann.
Nicht mit dem Studienabschluss. Nicht mit der Hochzeit. Und auch nicht mit der neuen Stelle.
Sondern jetzt — in dem Moment, in dem sie zum ersten Mal wirklich Nein gesagt hatte.
— Ist das hier ein Zirkus oder ein Arbeitsplatz? — kam es plötzlich von der Tür her, und der Raum verstummte augenblicklich.
Luisa stand auf der Schwelle ihres neuen Büros, eine Mappe unter den Arm geklemmt, ein angespanntes Lächeln im Gesicht. Ihr erster Tag als Leiterin der Marketingabteilung hatte kaum begonnen, da stritten bereits drei Mitarbeitende lautstark über ein Kundenlayout, fielen sich ins Wort und ignorierten jede Form von Zurückhaltung.
— Entschuldigung — setzte die Brillenträgerin am Fenster an —, wir haben nur ein paar Details geklärt.
— Details klärt man im Besprechungsraum — sagte Luisa und trat an ihren Schreibtisch. — Jetzt brauchen wir Ruhe. Die Deadline ist morgen. Für Grabenkämpfe fehlt uns die Zeit.
Der Raum fror ein. Für ein paar Sekunden richteten sich alle Blicke auf sie — neugierig, skeptisch, abwartend. Dann murmelte einer der Männer halblaut:
— Na toll. Die neue Besenvariante …
Luisa reagierte nicht. Sie schaltete den Computer ein und begann, die Berichte durchzugehen.
Nach zehn Minuten herrschte absolute Stille.
Gegen Mittag wusste sie bereits, dass sie kein eingespieltes Team übernommen hatte.
Zwölf Personen, von denen mindestens die Hälfte offenbar überzeugt war, dass jemand anderes diesen Platz verdient hätte — genauer gesagt Katharina Vogel. Groß, auffällig, stets beherrscht, mit einer geschäftsmäßigen Stimme. Sie arbeitete länger dort als alle anderen, kannte die Kunden, führte die wichtigsten Projekte und wirkte gleichzeitig seltsam unbeteiligt.
— Wenn du möchtest, kann ich dir nach dem Mittagessen alle laufenden Verträge zeigen — sagte Katharina und steckte den Kopf ins Büro. — Damit du weißt, wo wir stehen.
— Sehr gern — antwortete Luisa. — Nach drei Uhr passt es gut, bis dahin bin ich noch beschäftigt.
— Gut. — Katharina nickte, blieb jedoch einen Moment stehen, als wolle sie noch etwas ergänzen. — Nur … nimm es mir nicht übel. Hier läuft vieles seit Jahren nach festen Mustern, und oben glaubt man oft, mit einer neuen Führungskraft würde plötzlich alles anders.
— Wir werden sehen — entgegnete Luisa ruhig. — Hauptsache, es funktioniert.
Als die Tür hinter Katharina zufiel, ließ Luisa endlich einen langen, erschöpften Atemzug los. Sie spürte deutlich, wie fremd sie in den Augen der anderen war.
Dieses Gefühl kannte sie nur zu gut — von zu Hause und nun auch vom Arbeitsplatz.
Am Abend dröhnte ihr der Kopf. Draußen auf der Straße atmete sie tief die kalte Kölner Luft ein. Ende Oktober war nah, nasses Laub klebte auf den Gehwegen, Straßenlaternen spiegelten sich in den Pfützen.
Ihr Handy vibrierte. Jonas.
Sie ging nicht ran. Nicht jetzt. Dafür war es noch zu früh.
Langsam machte sie sich zu Fuß auf den Weg zur U-Bahn.
Kioske, Cafés, Schaufenster mit herbstlichen Angeboten zogen an ihr vorbei. Menschen eilten mit Einkaufstaschen, irgendwo lachte jemand laut. In ihr jedoch war es still und leer zugleich.
Abends in der Wohnung — falls man dieses Einzimmer-Apartment überhaupt so nennen konnte — schaltete Luisa den Wasserkocher ein und setzte sich ans Fenster. Eine winzige Küche, ein paar Kakteen auf der Fensterbank, die sie am Wochenende gekauft hatte — wenigstens etwas Lebendiges.
Eine neue Nachricht erschien auf dem Display.
Jonas: „Mama fragt, wann du dein Gehalt bekommst. Die Heizkosten müssen bezahlt werden.“
Luisa starrte lange auf den Bildschirm. Dann löschte sie die Nachricht.
Ohne zu antworten.
Die folgenden Tage waren dicht gedrängt. Sie kam früher als alle anderen und ging als Letzte. Sie beugte sich über Tabellen, wühlte sich durch alte Berichte, formulierte Kundenmails neu.
Am Montag ließ der Geschäftsführer sie zu sich kommen.
— Ich sehe, du steigst voll ein. Gut so. Aber überfordere das Team nicht, ja? Nach Tobias Kerns Weggang sind ohnehin alle angespannt.
— Verstanden — sagte Luisa.
— Wichtig ist: Nicht alles sofort umkrempeln. Beobachte erst, wer wie arbeitet, was jeder leisten kann. Dann zieh deine Schlüsse.
Sie nickte, obwohl sie innerlich wusste, dass ihr kaum Zeit blieb. Kunden, Berichte, Fristen, Verzögerungen — alles kam gleichzeitig auf sie zu.
In den ersten zwei Wochen aß sie kaum richtig, lebte von Kaffee und belegten Automatenbrötchen.
Katharina stand immer häufiger in der Tür, bereit, mit gut gemeinten Ratschlägen einzugreifen und die Situation „ein wenig zu erklären“, als würde sie sich bereits darauf vorbereiten, im nächsten Moment selbst das Steuer zu übernehmen.
