— Helena will wissen, wann dein erstes Gehalt kommt. Wir müssen endlich ihren Kredit abschließen! — warf ihr Mann ihr entgegen, ohne den Blick vom Handy zu lösen.
— Ich werde nicht für deine Familie zahlen. Ist das klar? — entgegnete sie ruhig, ohne die Stimme zu heben. Dennoch lag in ihrem Ton eine solche Kälte, dass die Luft in der Küche zu erstarren schien.
Jonas Feldmann hob langsam den Kopf von seiner Kaffeetasse, an deren Rand der Milchschaum träge herablief. Für einen Moment schien er gar nicht zu begreifen, was Luisa Winter gerade gesagt hatte. Vielleicht wollte er es auch einfach nicht verstehen.
— Was meinst du mit „zahlen“? — fragte er schließlich mit gerunzelter Stirn.
— Genau das, was ich gesagt habe — antwortete Luisa beherrscht. — Ich bin kein Geldautomat. Und es gehört nicht zu meinen Pflichten, deine Mutter, deine Schwester und deren Kinder zu finanzieren.

— Luisa, das ist Unsinn — versuchte Jonas zu lachen, doch sein Lächeln wirkte verkrampft. — Es geht doch nicht um Unsummen. Meine Mutter hat nur um ein bisschen Unterstützung gebeten. Sie hat Rückstände bei den Nebenkosten, und das Bad muss renoviert werden … die Rohre tropfen ständig …
— Genau darum geht es doch! — fiel sie ihm ins Wort. — „Nur ein bisschen Hilfe“, „nur vorübergehend“. Das höre ich jetzt seit drei Jahren, Jonas. Wie lange soll das noch so weitergehen?
Sie schob den Stuhl zurück, stand auf und begann, in der kleinen Küche auf und ab zu gehen. Draußen zogen schwere graue Wolken träge vorbei. Mitte Oktober, kalter Dauerregen seit dem Morgen, feuchte Streifen auf der Fensterbank. Eigentlich ein freier Samstag, doch die Stimmung roch nach Streit.
— Luisa — sagte er leiser —, meine Mutter ist doch keine Fremde. Sie ist allein, das weißt du … seit dem Tod meines Vaters …
— Fang gar nicht erst damit an — schnitt sie ihm scharf das Wort ab. — Ich verstehe das alles. Aber es ist ein Unterschied, ob man hilft oder ob man die Fehlentscheidungen anderer dauerhaft bezahlt. Sie hat vor einem Jahr mit der Renovierung begonnen, obwohl sie kein stabiles Einkommen hatte. Dann hat sie einen Kredit aufgenommen, und jetzt überweist du jeden Monat tausend Euro. Und wenn ich frage, wovon, sagst du nur: „Wir schaffen das schon.“ Also gut — dann lass uns das jetzt klären.
Jonas sank zurück auf den Stuhl und presste sich die Hände ins Gesicht.
— Du wurdest doch befördert — sagte er schließlich. — Du wirst ein richtig gutes Gehalt haben. Warum stellst du dich so an?
Diese Worte trafen härter als ein lauter Schrei.
— Ich stelle mich an? — wiederholte sie langsam. — Nein, Jonas. Ich stelle mich nicht an. Es tut weh, dass ich zwei Jahre lang bis zur Erschöpfung gearbeitet habe, nur damit wir endlich etwas Luft bekommen. Damit wir aus diesem Loch herauskommen. Und du erwartest jetzt, dass ich alles wieder ausgebe — für deine Mutter, die der Meinung ist, du wärst ihr bis ans Lebensende verpflichtet?
Jonas schwieg. In ihm regte sich etwas — kein Zorn, keine Schuldgefühle, eher ein dumpfes Unbehagen. Ihm war, als sei dieses Gespräch plötzlich viel zu weit gegangen, als hätte ein einziges falsches Wort alles zum Einsturz gebracht.
Luisa wandte sich dem Fenster zu. Im beschlagenen Glas sah sie ihr Spiegelbild: ein müdes Gesicht, Augen, in denen sich zu viel Ungesagtes angesammelt hatte.
— Ich bin nicht gegen Hilfe — sagte sie leise. — Aber wenn Hilfe zur Pflicht wird, ist es keine Hilfe mehr. Dann ist es Abhängigkeit. Und verzeih mir, ich will kein Teil eurer familiären Buchhaltung sein.
— Nicht „eurer“, sondern „meiner“ — korrigierte er sie automatisch.
— Nein, ganz genau „eurer“ — erwiderte sie scharf. — Deine Mutter, deine Schwester, ihre Kinder. Und du — ihre Absicherung. Und ich — die Einnahmequelle. Stimmt’s?
Er wollte widersprechen, doch ihm fehlten die Worte. Zu treffend war das Gesagte.
Luisa war am Abend zuvor spät nach Hause gekommen — erschöpft, der Kopf dröhnend von der Arbeit. Unerwartet hatte der Geschäftsführer sie zu sich gebeten. Er teilte ihr mit, dass der bisherige Abteilungsleiter gehe und die Stelle frei werde. Man bot sie ihr an. Das Gehalt: fast doppelt so hoch. Die Position: anspruchsvoll. Die Verantwortung: enorm.
Den ganzen Abend war sie rastlos durch die Wohnung gegangen, als bewege sie sich über ein Minenfeld. Mal klappte sie den Laptop auf und suchte nach Stellenanzeigen, dann wieder klappte sie ihn zu, stellte Wasser auf und vergaß es. Als Jonas nach Hause kam, sagte sie nur:
— Mir wurde eine Beförderung angeboten.
Jonas war überrascht, freute sich, nahm sie in den Arm. Dann fragte er:
— Und wie viel zahlen sie?
Dort nahm alles seinen Anfang.
— Luisa — sagte er jetzt milder —, du siehst das alles falsch. Wir sind doch eine Familie, bei uns ist alles gemeinsam.
— Nicht alles — unterbrach sie ihn entschieden. — Ich habe keinen Vertrag unterschrieben, um deine Verwandten zu sponsern.
— Aber du verstehst doch, meine Mutter bittet nicht aus Bosheit. Sie steckt wirklich in Schwierigkeiten.
— In Schwierigkeiten ist man, wenn man keine Wahl hat, Jonas. Deine Mutter wählt jedoch immer den bequemsten Weg: Sie ruft dich an und sagt: „Mein Sohn, hilf mir.“ Und du hilfst. Jedes Mal. Selbst dann, wenn uns danach kaum noch etwas bleibt.
— Und dir ist diese Hilfe zu schade? — griff er erneut an. — Dabei hat meine Mutter so viel für dich getan!
— Was genau denn? — Luisa drehte sich abrupt zu ihm um. — Erinnerst du mich bitte, was sie ganz konkret für mich getan hat? Als ich im Winter krank war — hat sie einmal angerufen? Als wir zur Miete wohnten und ich sie um ein Darlehen für die Kaution bat — sagte sie: „Kommt allein zurecht, ihr seid jung.“ Und jetzt, wo ich endlich befördert werden soll, fällt plötzlich allen ein, dass auch ich zur Familie gehöre. Praktisch, oder?
Er schwieg.
Die Wanduhr in der Küche tickte laut, fast demonstrativ.
Luisa stand auf, goss sich Wasser ein und trank ein paar Schlucke. Ihre Stimme zitterte, doch ihre Worte waren klar:
— Jonas, ich habe nichts gegen Unterstützung. Ich will nur nicht, dass mein Gehalt zum Vorwand für neue Verpflichtungen wird. Ich habe die Stelle noch nicht einmal angenommen.
— Du hast noch nicht zugesagt? — Er riss den Kopf hoch. — Wie bitte? Warum nicht?
— Weil ich nicht sicher bin, ob ich das schaffe. Das Team ist schwierig, es gibt Intrigen, ein völlig neuer Arbeitsstil. Ich will nicht blindlings hineinstolpern.
Er verzog spöttisch den Mund.
— Ernsthaft? Dafür hast du doch dein ganzes Leben gearbeitet! Du hast ständig geklagt, dass man dich nicht wertschätzt. Und jetzt, wo man dir eine Chance gibt, fängst du an zu zweifeln?
— Ich zweifle nicht — sagte sie ruhig. — Ich möchte nur wissen, ob ich wirklich bereit bin, diese Verantwortung zu tragen.
— Luisa — er legte die Hand auf den Tisch und beugte sich vor —, wenn dir so etwas angeboten wird, dann bedeutet das, dass man dich für geeignet hält, und genau an diesem Punkt brach seine Stimme nicht ab, sondern wurde ruhiger, fast berechnend, als würde er ihr weniger Mut zusprechen als vielmehr einen Deal unterbreiten, dessen Tragweite ihr erst noch bewusst werden sollte.
