„Wie, du hast nicht überwiesen? Wieso denn nicht?“ Laura fassungslos, während sie Kindersachen von Hand wäscht

Diese verzweifelte Armut ist unerträglich und ungerecht.
Geschichten

„Wieso soll es denn ausgerechnet bei euch nicht gehen?“ Johanna klang, als verstehe sie die ganze Aufregung nicht. „Bei Mama und Papa sind wir fast jeden Monat. Bei euch dagegen waren wir noch kein einziges Mal. Ihr habt euch ein Haus gekauft, wohnt inzwischen ein halbes Jahr dort, und aus der Familie hat noch niemand auch nur einen Fuß über eure Schwelle gesetzt. Also haben Felix und ich beschlossen, mit den Kindern ein paar Tage zu euch zu kommen. Wir wollen sehen, wie ihr euch eingelebt habt, wie es euch am neuen Ort gefällt. Oder willst du uns etwa nicht sehen? Bist du krank, Jonas?“

„Nein, wir sind nicht krank“, stieß er hervor. „Darum geht es doch gar nicht. Hör zu, Johanna, im Ernst: Es passt gerade einfach nicht. Es kommt alles auf einmal. Kein Geld, der Kühlschrank leer, die Waschmaschine kaputt, der Föhn durchgebrannt, Internet und Kabelanschluss sind auch noch nicht bezahlt. Laura macht mir deswegen schon die Hölle heiß. Wir sitzen komplett auf dem Trockenen, so sieht’s aus.“

„Ach, hör mir auf“, schnaubte seine Schwester. „Du jammerst ja wie ein kleines Kind. Kein Geld, leere Vorräte, großes Drama. So kenne ich dich gar nicht, Brüderchen. Was ist denn aus dir geworden? Das sind doch alles lösbare Dinge. Wichtig ist, dass ihr gesund seid. Der Rest ist Kleinkram. Also, abgemacht: Ein Haus habt ihr, folglich könnt ihr auch Gäste aufnehmen. Und alles, was gebraucht wird, bringen wir selbst mit. Morgen sind wir da.“

Damit legte Johanna auf. Kaum zwei Minuten später meldete Jonas’ Handy eine Überweisung von seiner Schwester. Der Betrag reichte locker, um die fällige Kreditrate zu begleichen.

„Na sieh mal an, das Geld ist schon da. Das ging schnell.“

„Dann bezahl endlich, worauf wartest du?“ fragte Laura knapp.

Jonas verzog das Gesicht. „Wir haben jetzt ein anderes Problem. Johanna kommt morgen mit ihrer ganzen Familie zu uns.“

„Konntest du ihnen nicht einfach absagen?“ Laura sah ihn gereizt an. „Du hättest sagen können, dass Menschen, die sich Geld leihen müssen, gerade keine Gäste bewirten können. Was soll ich ihnen vorsetzen? Alte Zwiebackreste? Oder Schnittlauch aus dem Garten?“

„Ich habe es versucht, ehrlich.“ Jonas hob abwehrend die Hände. „Du hast doch gehört, ich habe ihr alles erklärt. Aber Johanna lässt sich nicht so leicht umstimmen, das weißt du doch. Sie hat gesagt, sie bringen alles mit, was nötig ist.“

Am nächsten Tag, als es bereits auf den Abend zuging, rollte ein Crossover vor den kleinen, noch etwas unfertigen, aber gemütlichen Hof der Neumanns. Aus dem Wagen stieg Johannas komplette Familie und verteilte sich sofort lautstark auf der ruhigen Dorfstraße.

„Na, Verwandtschaft, wo steckt ihr? Kommt raus, die Gäste sind da!“ rief Johanna, während sie das Gartentor aufstieß und in den Hof trat, der noch längst nicht fertig hergerichtet war.

Jonas und Laura standen mit den Kindern bei der Veranda.

„Hallo, Johanna. Hallo, Felix“, sagte Jonas wenig begeistert, umarmte aber dennoch seine Schwester und seinen Schwager.

„Guten Abend. Kommt rein“, fügte Laura tonlos hinzu.

„Was ist denn mit dir los? Du stehst ja da wie ein Schatten. Komm her, wir begrüßen uns richtig!“ Johanna klopfte ihrer Schwägerin freundschaftlich auf die Schulter und zog sie kurzerhand an sich.

Mit ihrer überschäumenden Energie umarmte sie nacheinander die ganze Familie ihres Bruders, drückte, rüttelte und steckte sie beinahe wider Willen mit ihrer guten Laune an. Danach machten es Felix und die beiden Jungen, ihre Söhne, ihr nach: Auch sie herzten Laura sowie die kleinen Clara und Elias, wodurch alle sogar ein wenig verlegen wurden.

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