Schließlich waren wir beide beim selben Ergebnis angekommen.
Kinder gehörten nicht zu unserem Lebensentwurf.
Für uns war das weder ein Drama noch irgendein Mangel.
Es war schlicht eine Wahl.
Unsere Wahl.
„Dann sag ihr das“, sagte ich.
Sebastian wandte den Blick zu mir.
„Was?“
„Sag deiner Mutter, wer entschieden hat, dass wir keine Kinder bekommen.“
Stefanie schaute sofort zu ihrem Sohn hinüber.
„Was soll das heißen, wer?“
Für ein paar Sekunden sagte Sebastian gar nichts.
Dann schob er die Unterarme auf die Tischplatte und beugte sich leicht vor.
„Wir. Wir beide.“
„Danach habe ich nicht gefragt.“
„Aber genau das ist die Antwort.“
„Sebastian …“
„Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir keine Kinder möchten.“
Stefanie bewegte langsam den Kopf von einer Seite zur anderen.
„Nein.“
Diese Reaktion war so unsinnig, dass Hannah sofort dazwischenfuhr:
„Wie meinst du das bitte mit nein?“
„Mein Sohn wollte immer Kinder.“
Sebastian sah seine Mutter unverwandt an.
„Mama, ich bin vierzig Jahre alt. Ich denke, ich kann mittlerweile ganz gut selbst beurteilen, was ich will.“
„Das behauptest du jetzt.“
„Ich sage es, weil es wahr ist.“
„Seit du mit ihr zusammen bist, bist du nicht mehr derselbe.“
In Sebastians Gesicht veränderte sich etwas.
Bis zu diesem Augenblick hatte er sich sichtbar bemüht, ruhig zu bleiben.
Jetzt war diese Ruhe weg.
„Fangen wir damit schon wieder an?“
Stefanie sagte nichts.
„Machst du jetzt wirklich wieder Magdalena für jede Entscheidung verantwortlich, die dir nicht passt?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Nicht direkt. Aber du hast es gerade ziemlich deutlich durchblicken lassen.“
„Ich stelle nur fest, dass du früher anders warst.“
„Natürlich war ich früher anders. Da war ich neunundzwanzig.“
Stefanie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich kenne meinen Sohn.“
„Nein, Mama. Du kennst die Version von mir, die dir am besten in den Kram passt.“
Der Satz landete schwer zwischen uns, als hätte jemand einen Stein auf den Tisch gelegt.
Ich sah Sebastian an.
So hatte ich ihn noch nie mit seiner Mutter reden hören.
Und Stefanie offenbar ebenso wenig.
„Was soll das denn heißen?“
„Dass du jedes Mal, wenn ich etwas tue, was nicht in dein Bild passt, behauptest, Magdalena hätte mich verändert. Als wir nicht mehr jeden Samstag bei dir aufgetaucht sind, war Magdalena schuld. Als wir diese Wohnung gekauft haben, statt in deine Nähe zu ziehen, war Magdalena schuld. Als ich aufgehört habe, dir mein Gehalt bis ins Detail zu nennen, war Magdalena schuld. Und jetzt soll sie auch noch der Grund dafür sein, dass wir keine Kinder wollen.“
„Ich mache mir doch nur Sorgen um dich.“
„Dann mach dir lieber Gedanken darüber, wie du mit ihr umgehst.“
Stefanie wurde kreidebleich.
„Ach, jetzt bin ich also die Schuldige?“
„Ich sage dir, dass du meine Frau gerade vor der gesamten Familie abgewertet hast. Und das auf Grundlage von Dingen, von denen du überhaupt keine Ahnung hattest.“
„Ich habe sie nicht abgewertet.“
Hannah legte ihr Besteck zur Seite.
„Mama, du hast gesagt, sie arbeitet nicht, trägt finanziell nichts bei und will nicht einmal Kinder.“
„Ich habe nicht gesagt, dass sie mir keine Enkel schenken will.“
„Das musstest du auch nicht ausdrücklich sagen.“
Stefanie starrte ihre Tochter an, als hätte Hannah sie mitten im Raum verraten.
Ich saß noch immer da, ohne ein Wort zu sagen.
Bis Stefanie ihren Blick wieder auf mich richtete.
„Na schön. Wenn du so gut verdienst, hättest du das ja auch früher erwähnen können.“
Da lachte ich auf.
Nicht, weil es lustig war.
Sondern weil ich es einfach nicht fassen konnte.
„Wie bitte?“
„Wenn ich das gewusst hätte …“
„Dann hätten Sie mich mehr respektiert?“
Stefanie öffnete den Mund.
Doch es kam keine Antwort.
„Genau darum geht es doch“, sagte ich. „Sie meinen, Sie müssten erst wissen, wie hoch mein Einkommen ist, bevor Sie entscheiden können, ob ich Ihren Respekt verdiene.“
„Verdreh mir nicht die Worte.“
„Das brauche ich gar nicht. Sie haben es eben selbst ausgesprochen.“
Erneut breitete sich Stille aus.
Diesmal war es Christian, der das Schweigen durchbrach.
„Stefanie, ich glaube, du solltest dich entschuldigen.“
Sie drehte sich ruckartig zu ihm um.
„Du jetzt auch?“
„Darum geht es nicht. Niemand stellt sich hier gegen dich.“
„Für mich sieht es aber genau so aus.“
„Nein“, sagte Christian ruhig. „Es geht darum, dass du über Dinge geurteilt hast, von denen du nichts wusstest.“
Stefanie erhob sich.
