Auf dem ganzen Grundstück traute sich niemand, Titan zu nahe zu treten.
Niemand – bis auf ein kleines Mädchen von drei Jahren.
An diesem frostigen Januarmorgen lag ein feiner, silbriger Reif über den Gärten des Anwesens von Matthias Albrecht am Rand von Chemnitz. Neben dem Springbrunnen hockte der gewaltige schwarze Mastiff, durchnässt bis auf die Haut, nachdem er dem Mann entkommen war, der ihn eigentlich hatte waschen sollen.
Dieser Pfleger war keine zehn Minuten zuvor aus dem Innenhof gestürzt, das Hemd zerfetzt, das Gesicht weiß vor Schreck.
„Nicht näherkommen!“, schrie einer der Angestellten.

Titan war mehr als zehn Jahre alt, brachte beinahe siebzig Kilo auf die Waage und hatte über Jahre hinweg ausschließlich auf Matthias gehört.
Doch seit einiger Zeit war er nicht mehr derselbe.
Sobald jemand versuchte, ihn anzufassen, begann er tief zu knurren.
Den Tierarzt ließ er nicht einmal mehr an seine Hinterpfote.
Und mit jedem Tag wurde deutlicher, dass ihm jeder Schritt Mühe bereitete.
Unter den Bediensteten machte sich die Überzeugung breit, der Hund sei unberechenbar geworden.
Genau in diesem Augenblick erschien Mia Mayer.
Sie war die Tochter von Anna Köhler, der neuen Verwalterin des Hauses. Erst seit zwei Monaten wohnten Mutter und Tochter in einer kleinen Wohnung neben dem Bereich des Personals.
„Mia!“, rief Anna entsetzt. „Komm sofort her!“
Doch das Kind reagierte nicht.
Unter den einen Arm hatte sie ihren Teddybären geklemmt, in der anderen Hand trug sie ein kleines weißes Handtuch.
Ohne zu zögern lief sie direkt auf den riesigen Hund zu.
Titan stieß ein drohendes Knurren aus.
Mehrere Mitarbeiter wichen wie auf ein stummes Kommando zurück.
Da trat Matthias unter dem Torbogen zum Innenhof hervor.
Hochgewachsen, tadellos gekleidet, den dunklen Mantel geschlossen – und mit jener kühlen Miene, die ausreichte, einen ganzen Konferenzraum verstummen zu lassen, ohne dass er auch nur lauter sprechen musste.
„Niemand rührt sich.“
Anna spürte, wie ihr die Beine weich wurden.
„Herr Albrecht, meine Tochter …“
„Laufen Sie nicht hin“, sagte er scharf. „Sie könnten ihn erschrecken.“
Dann tat Mia etwas, das allen noch gefährlicher vorkam.
Sie setzte sich hin.
Nicht einmal eine Armlänge von Titan entfernt.
„Du bist ja ganz nass“, murmelte sie sanft.
Sie faltete das Handtuch auseinander und begann, mit vorsichtigen Bewegungen über seinen breiten Rücken zu streichen.
Das Knurren brach ab.
Für einen Atemzug vergaß Matthias zu atmen.
Mia trocknete den Hund weiter ab.
„Der böse Mann ist weg“, flüsterte sie. „Jetzt musst du dich nicht mehr fürchten.“
Titan hob seine großen, dunklen Augen zu ihr.
Und dann geschah etwas, das auf diesem Anwesen niemand für möglich gehalten hätte.
Der Hund ließ den Kopf sinken.
Langsam legte er sich vor Mia nieder.
Dann bettete er seine schwere Schnauze in ihren Schoß.
Anna presste die Hand vor den Mund.
Matthias sagte leise den Namen des Hundes.
„Titan.“
Ein Ohr des Mastiffs zuckte.
„Komm.“
Doch Titan schloss lediglich die Augen.
Er gehorchte nicht.
Mia strich weiter über seinen Kopf.
„Er ist erschöpft.“
Matthias’ Blick wanderte zu dem Hinterbein des Hundes. Es bebte kaum sichtbar.
Und zum ersten Mal erkannte er etwas, das offenbar alle über Monate hinweg falsch verstanden hatten.
Vielleicht war Titan gar nicht aggressiv.
Vielleicht litt er einfach unter Schmerzen.
Noch am selben Nachmittag wurde Daniel Sommer gerufen, der seit vielen Jahren Tierarzt der Familie war.
„Ohne Beruhigungsmittel kann ich ihn nicht richtig untersuchen“, warnte er.
Mia griff nach seiner Hand.
„Ich helfe dir.“
Anna schüttelte sofort den Kopf.
„Nein, Mia.“
Doch Matthias hob eine Hand.
„Einen Moment.“
Das Mädchen ließ sich neben Titan nieder und legte ihre kleine Hand auf seinen Kopf.
„Er ist ein Arzt, Titan. Er macht das Weh weg.“
Daniel näherte sich langsam und behutsam.
Titan zog die Lefzen hoch und zeigte die Zähne.
„Schsch“, flüsterte Mia. „Ich bin doch bei dir.“
Das Knurren verstummte.
Eine Viertelstunde später richtete Daniel sich auf. Sein Gesicht war ernst.
„Er hat eine ausgeprägte Arthritis. Außerdem gibt es einen alten Bruch, der nicht richtig zusammengewachsen ist.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Wie lange schon?“
„Wahrscheinlich seit Jahren.“
„Sie wollen mir sagen, dass er seit Jahren Schmerzen erträgt?“
Daniel nickte nur.
Diese Antwort traf Matthias härter, als er selbst erwartet hätte.
In derselben Nacht verschwand Titan aus seinem Zimmer.
Gefunden wurde er vor Annas Wohnung.
Mia schlief auf einem Teppich, und der riesige Hund hatte sich schützend um sie gelegt, als wäre er eine schwarze Mauer.
Matthias kam persönlich, um ihn zurückzuholen.
„Titan. Komm.“
Der Hund hob nicht einmal den Kopf.
Mia schlug die Augen auf.
„Er schläft.“
„Das sehe ich.“
Das Mädchen setzte sich auf und umschloss zwei von Matthias’ Fingern mit ihrer kleinen Hand.
„Setz dich.“
Anna wurde kreidebleich.
Niemand erteilte Matthias Albrecht Anweisungen.
Schon gar nicht ein kleines Kind.
„Mia …“
„Er ist doch viel zu groß, Mama.“
Matthias blickte auf die winzige Hand, die seine Finger festhielt.
Dann ließ er sich tatsächlich auf den Teppich nieder.
Mia drückte ihm ihren Teddybären in die Arme.
„Du musst ihn halten.“
„Weshalb?“
„Weil man besser zuhören kann, wenn man jemanden im Arm hat.“
So endete dieser Abend damit, dass einer der einflussreichsten Unternehmer Mitteldeutschlands auf dem Fußboden saß und sich eine vollkommen absurde Geschichte über ein Kaninchen anhörte, das seine Mutter verloren hatte.
Am nächsten Abend kam er wieder.
