Moritz hatte sich schon wieder auf den Kachelofen zurückgezogen. Theresa warf ihm einen prüfenden Blick zu, sagte jedoch kein Wort. Stattdessen ging sie hinaus, um die trockene Wäsche von der Leine abzunehmen. Ein anderer hätte darin vermutlich nichts Besonderes gesehen. Eine Katze klettert eben auf den warmen Ofen — was sollte daran schon auffällig sein? Doch Theresa lebte nun seit acht Jahren mit Moritz unter einem Dach und hatte längst gelernt, selbst die kleinsten Abweichungen in seinem Verhalten zu bemerken.
Der Kater war stattlich, rot-weiß gefleckt und besaß ein Gesicht, das aussah, als hätte jemand zwei verschiedene Katzen zusammengesetzt. Die linke Seite leuchtete fuchsrot, die rechte war beinahe ganz weiß. An seinem rechten Ohr klaffte eine alte Kerbe, ein Andenken an eine längst vergangene Rauferei mit Florians Kater aus der Nachbarschaft.
Im Dorf machten manche sich einen Spaß daraus und behaupteten, das Ohr sei ihm gar nicht im Kampf eingerissen worden. Wahrscheinlich habe bloß der Wind daran gezerrt, weil Moritz viel zu gern und viel zu nah am Flussufer saß.
Für gewöhnlich bewegte er sich gemächlich durchs Haus, breitbeinig, würdevoll, den Schwanz hoch erhoben wie eine Fahne. Manchmal aber, ohne erkennbaren Anlass, sank dieser Schwanz plötzlich herab. Dann wirkte der Kater unruhig, wachsam, beinahe erschrocken. Er drückte sich flach an die Dielen und schlich fast auf dem Bauch bis zum Ofen, kletterte in die hinterste Ecke und kauerte sich dort zusammen, die Pfoten ordentlich unter den Leib geschoben.
„Na, was ist denn nun schon wieder los?“, fragte Theresa ihn dann. „Kommt etwa ein Erdbeben?“

Moritz schloss langsam die Augen und ließ ein leises, brummendes Schnurren hören, als stimme er sein ganz eigenes Lied an.
Zum Angeln ging Theresa beinahe jeden Tag hinaus. Nur an den Tagen, an denen Moritz oben auf dem Ofen lag, blieb sie daheim.
Die Liebe zum Fischen war erst nach Felix’ Tod zu ihr gekommen. Ihr Mann war vor fünf Jahren gestorben. Von ihm waren ihr ein kleines flaches Boot, ein paar Angelruten, allerlei Gerät — und Moritz — geblieben. Felix hatte den winzigen Kater damals am Ufer gefunden und ihn in der Tasche seiner Jacke mit nach Hause gebracht. Genau diese Jacke zog Theresa seither jedes Mal an, wenn sie zum Fluss hinunterging.
An Vorzeichen und Aberglauben hatte sie im Grunde nie viel gegeben. Die Nachbarinnen mochten Kerzen gegen den bösen Blick anzünden oder rote Fäden ums Handgelenk binden; Theresa verzog bei solchen Dingen höchstens das Gesicht.
Bei Moritz jedoch war es anders.
Ihm glaubte sie.
Und dafür gab es einen einfachen Grund: In all den acht Jahren hatte der Kater sich kein einziges Mal geirrt. Sobald er auf den Ofen kletterte und sich dort verkroch, schlug wenige Stunden später das Wetter am Fluss um. Ein kräftiger Wind kam auf, Wellen liefen gegen das Ufer, manchmal zog auch ein Gewitter heran. Blieb Moritz dagegen gelassen unten im Haus, versprach der Tag ruhig zu werden. Dann konnte Theresa ohne Sorge ans Wasser gehen.
An jenem Morgen erwachte sie gegen fünf Uhr. Draußen herrschte vollkommene Stille. Nur irgendwo in der Ferne krähte sich ein Hahn heiser und begrüßte den neuen Tag. Der Himmel war klar, friedlich und makellos, ohne auch nur den kleinsten Wolkenstreifen.
„Heute wird es heiß“, dachte Theresa und sah zu ihrem pelzigen Wetterpropheten hinüber.
Moritz lag auf dem Fensterbrett und schien auf den ersten Blick zu dösen. Doch Theresa wusste nur zu gut, dass er bloß so tat. Mit einem Auge und einem Ohr verfolgte er dennoch jede Bewegung seiner Herrin.
Als sie schließlich den Eimer nahm und zur Tür hinüberging.
