— Warum sitzt meine Tochter nicht mit am Tisch? — fragte mein Vater, kaum dass er mit einem Arm voller Geschenke über die Schwelle unserer Wohnung trat.
Der Tisch bog sich unter Salaten, die ich seit sechs Uhr morgens vorbereitet hatte. Der Weihnachtsbaum funkelte, alles war festlich. Nur ich fehlte an diesem Tisch.
— Ich habe sie rausgeschickt, — erwiderte mein Mann grinsend. — Sie geht meiner Mutter auf die Nerven.
Meine Schwiegermutter saß daneben und wirkte, als hätte sie gerade einen persönlichen Triumph errungen. Sie erhob sich nicht einmal zur Begrüßung. Mein Vater, sonst ein ruhiger, zurückhaltender Mensch, sagte kein Wort. Stattdessen zog er langsam sein Handy aus der Tasche. Was er in der nächsten Minute tat, ließ das selbstzufriedene Lächeln von Renate Bergmann für immer aus ihrem Gesicht verschwinden.
Zwei Tage zuvor, am Morgen des 29. Dezember, war ich unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Daniel König stieß mir wiederholt in die Schulter und verlangte, ich solle sofort aufstehen und mich fertig machen. Wir müssten zum Bahnhof. Seine Mutter hatte beschlossen, aus der Provinz anzureisen, um den Jahreswechsel bei uns zu verbringen. Und wie Daniel mir erklärte, während er sich hastig einen Pullover überzog, gehöre es sich für eine „anständige Ehefrau“, die Schwiegermutter persönlich zu empfangen.

Ich blinzelte auf den Wecker: halb acht. Draußen war es stockdunkel, der Zug sollte erst um 9:30 Uhr ankommen.
— Daniel, wir brauchen doch nur eine halbe Stunde bis zum Bahnhof, — versuchte ich vernünftig zu bleiben. Doch er hastete bereits durch die Wohnung, sammelte Dinge ein, als würde nicht seine Mutter kommen, sondern der Finanzminister höchstpersönlich.
Vierzig Minuten später kämpften wir uns über die verstopfte Uferstraße durch den vorweihnachtlichen Verkehr. Wieder fiel mir auf, mit welcher Ehrfurcht Daniel von seiner Mutter sprach — als sei sie eine überirdische Autorität. In drei Ehejahren hatte ich Renate Bergmann gründlich kennengelernt: 56 Jahre alt, Betriebswirtin in einer Baufirma, zweimal pro Woche im Schwimmbad, regelmäßige Urlaube in der Türkei — und dennoch bei jeder Gelegenheit klagend über ihr angeblich angegriffenes Wohlbefinden.
Auf dem Bahnsteig erschien sie mit einer Miene, als sei sie soeben von einer Raumstation zurückgekehrt. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, registrierte meinen müden Blick und nickte knapp. Daniel stürzte sich sofort in ihre Arme und vergaß mich völlig. Mir blieben zwei überdimensionierte Taschen mit „natürlichen Lebensmitteln“ aus der Provinz, als gäbe es in unserer Stadt keinerlei Supermärkte.
Im Auto stellte sich die altbekannte Rangordnung sofort wieder her. Renate Bergmann thronte auf dem Beifahrersitz, ich nahm hinten Platz, und Daniel drehte nach der ersten Beschwerde über Zugluft die Heizung auf volle Leistung.
— Du weißt doch, mein Junge, meine Gesundheit ist nicht aus Stahl, — zog sie klagend die Worte in die Länge. Innerlich setzte ich ein Häkchen. Die erste Trumpfkarte war noch vor der Ankunft ausgespielt.
Unsere Wohnung auf der linken Flussseite — eine großzügige Dreizimmerwohnung mit Blick aufs Wasser — empfing sie mit dem Duft von Gebäck und Tannennadeln. Ich hatte bis spät in die Nacht geputzt, alles glänzte. Renate Bergmann jedoch inspizierte die Räume wie eine Kontrolle vom Gesundheitsamt, strich über die Gardinenstange und verkündete feierlich, Staub entdeckt zu haben. Daniel lag derweil auf dem Sofa, das Handy in der Hand, und tat so, als ginge ihn das alles nichts an.
— Katharina, warum sind eure Vorhänge so farblos? Und das Parkett knarrt auch. Früher haben Frauen besser auf den Haushalt geachtet, — ließ sie verlauten.
Sie machte es sich in der Küche bequem, auf einem Hocker am Fenster, von wo aus sie jede meiner Bewegungen überwachen konnte. Beim Kochen unter ihrem Blick fühlte ich mich wie ein Versuchsobjekt. Nichts blieb unkommentiert: Das Huhn zerlegte ich „falsch“, die Tomaten seien wässrig, der Pfeffer überdosiert. Als ich die Gurken schnitt, hörte ich hinter mir ein schweres Seufzen.
— Die Schwiegertochter meiner Nachbarin Zinka, das ist ein Goldstück. Kocht fantastisch, die Wohnung wie ein Museum, und mit der Schwiegermutter versteht sie sich wie mit der eigenen Mutter.
Ich biss mir auf die Lippen und konzentrierte mich auf das Schneidebrett. Daniel verharrte weiterhin im Wohnzimmer und spielte taub. Beim Mittagessen setzte Renate Bergmann ihre Vergleiche fort, und in jeder Kategorie schnitt ich katastrophal ab. Nach dem Nachtisch flüchtete ich unter dem Vorwand des Abwaschs in die Küche, schloss kurz die Augen und stellte mir vor, wie sie endlich wieder abreiste. Vierzehn Tage, erinnerte ich mich. Nur vierzehn Tage.
Am nächsten Morgen, dem 30. Dezember, weckte mich das laute Zuschlagen der Kühlschranktür. Renate Bergmann führte eine Bestandsaufnahme durch. In der Küche erwischte ich sie mit meinem Notizbuch, in dem das „Silvestermenü“ stand.
— Katharina, was hast du denn da zusammengeschmiert? Kartoffelsalat, Hering im Pelzmantel, griechischer Salat… das ist doch Kantinenessen! Wo ist die Sülze? Wo das Aspik? Wo eine ordentliche hausgemachte Schweinebratenrolle?
Sie griff zum Stift und strich meine Einträge gnadenlos durch, ersetzte sie durch ihre eigenen Ideen.
— Ich habe die Zutaten dafür schon gekauft, — wagte ich einzuwenden. Sie winkte nur ab.
— Griechischer Salat zu Silvester, was soll dieser neumodische Unsinn? Die Pute wird gestrichen, wir machen eine Gans mit Äpfeln. Sülze ist Pflicht, mindestens drei Sorten Piroggen, und keine gekaufte Kaviarcreme — Auberginen machen wir selbst.
In diesem Moment schlurfte der verschlafene Daniel in die Küche. Ich sah ihn hoffnungsvoll an. Er küsste lediglich seine Mutter auf die Wange und sagte:
— Mama, du bist doch unsere Expertin für Festtafeln. Du weißt es am besten.
Etwas zog sich schmerzhaft in mir zusammen. Ich sah zu, wie meine Schwiegermutter mein Menü zerlegte und aus einem gemütlichen Familienfest einen kulinarischen Albtraum formte, während mein Ehemann danebenstand und den mustergültigen Sohn spielte. Im Bad spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete mein Spiegelbild: eingefallene Züge, müde Augen, fest zusammengepresste Lippen. Schließlich griff ich nach meinem Telefon, weil ich dringend eine vertraute Stimme hören musste.
