«Ich habe mir nur zurückgenommen, was mir gehört» — sagt Clara ruhig und schließt die Tür

Ihre Würde triumphierte über die kalte Verachtung.
Geschichten

Die Nachrichten von Sabine Böhm verstummten irgendwann ebenfalls. Zuerst hatte Clara sie konsequent gelöscht, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, dann blieb das Handy ganz still. Kein neues Gift, keine weiteren Versuche, sie zu treffen. Diese Ruhe fühlte sich anfangs fremd an, fast verdächtig, doch mit der Zeit wurde sie zu etwas Kostbarem.

Das Unternehmen gab Clara aus der Hand. Für einen beinahe lächerlichen Betrag überließ sie es einem Geschäftspartner von Sebastian Kraus – einem Mann, der ihr früher einmal bei Unterlagen geholfen hatte, diskret, zuverlässig, ohne neugierige Fragen. Sie packte ihre Sachen, suchte sich eine kleine Wohnung in einem anderen Stadtteil und begann in einer neuen Firma zu arbeiten. Alles war bescheidener als früher, überschaubarer, leiser. Keine protzigen Empfänge mehr, keine teuren Ketten, kein ständiges Gemessenwerden an Stoffen, Schnitten und Etiketten. Niemand musterte sie von oben bis unten, niemand taxierte ihren Wert anhand eines Kleides.

Ihr Alltag bekam eine neue Struktur. Sie ging zu Fuß einkaufen, kochte abends einfache Gerichte, las Bücher, die jahrelang ungelesen geblieben waren. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, nicht funktionieren zu müssen, sondern einfach sein zu dürfen.

An einem grauen Nachmittag führte ihr Weg sie zufällig an dem Festsaal vorbei. Clara blieb stehen und hob den Blick zur Fassade. Die Leuchtschrift flackerte leicht. Vor ihrem inneren Auge tauchte jener Abend wieder auf: die scharfe Stimme der Schwiegermutter, die neugierigen Gesichter der Gäste, Sebastians Blick, der an ihr vorbeigeglitten war. Sie erinnerte sich an das verzweifelte Warten auf einen einzigen Satz, ein Wort zu ihren Gunsten.

Doch es war nichts gekommen. Er hatte geschwiegen. Und sie war gegangen.

Clara verharrte noch einen Moment, atmete tief durch und wandte sich dann ab. Ohne Hast, ohne Zögern setzte sie ihren Weg fort. Hinter der nächsten Straßenecke begann etwas Neues. Ein Leben, das ihr gehörte. Ein Leben ohne sie.

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