«Ich habe mir nur zurückgenommen, was mir gehört» — sagt Clara ruhig und schließt die Tür

Ihre Würde triumphierte über die kalte Verachtung.
Geschichten

Die Anspannung im Raum wich allmählich. Sabine Böhm erzählte lautstark eine weitere Anekdote darüber, wie ihr Sohn sich „aus eigener Kraft nach oben gearbeitet“ habe. Sebastian Kraus nahm Glückwünsche entgegen, schüttelte Hände nach links und rechts und sog die Bewunderung auf. Genau so hatte er es sich vorgestellt: gepflegte Gesellschaft, ein üppig gedeckter Tisch, anerkennende Blicke.

Dann stellte der Kellner die Rechnung hin. Sebastian reichte die Karte beiläufig weiter, ohne auch nur einen Blick auf den Betrag zu werfen. Das Gerät piepte. Stillstand. Noch ein Signal. Abgelehnt.

„Versuchen Sie es bitte noch einmal“, sagte Sebastian, nun deutlich weniger gelassen.

Der Kellner wiederholte den Vorgang. Wieder keine Freigabe. Ein dritter Versuch brachte dasselbe Ergebnis.

Sabine Böhm erhob sich abrupt und trat an den Tresen, den Blick von oben herab auf die Mitarbeiterin gerichtet.

„Was soll dieser Unsinn? Mein Sohn hat ganz sicher keine Geldprobleme. Machen Sie das ordentlich und nicht so schlampig.“

Die Administratorin, eine junge Frau im nüchternen Hosenanzug, begegnete ihr ohne Regung.

„Die Karte wurde vom Kontoinhaber gesperrt. Clara Köhler hat den Zugriff vor wenigen Minuten entzogen. Entweder Sie begleichen die Rechnung bar, oder wir sehen uns gezwungen, den Sicherheitsdienst zu informieren.“

Im Saal erstarrte alles. Einige Gäste zückten ihre Handys, andere wandten demonstrativ den Kopf ab. Sebastian wurde kreidebleich, riss sein Smartphone hervor und wählte Claras Nummer. Kein Klingeln. Noch einmal. Ausgeschaltet.

Sabine Böhm packte ihn am Arm und zischte mit zusammengepressten Zähnen:
„Sebastian, klär das sofort! Ruf sie an, sie soll das rückgängig machen. Weißt du eigentlich, was das für eine Blamage ist?“

Doch er hörte kaum zu. Hektisch scrollte er durch sein Telefon, suchte nach Zugängen, nach Passwörtern anderer Konten. Nichts. Alles lief über Clara. Ihm fiel nicht einmal mehr ein, wann sie die Unterlagen vorbereitet, Verträge eingereicht, Unterschriften organisiert hatte. Er hatte meist nur unterschrieben, was sie ihm hinlegte, ohne es zu lesen.

Die ersten Gäste standen auf. Einer murmelte etwas von dringenden Terminen, ein anderer ging kommentarlos Richtung Ausgang. Ein älterer Geschäftspartner im grauen Anzug blieb kurz stehen, klopfte Sebastian mit spöttischem Mitleid auf die Schulter.

„Kommt vor, mein Lieber. Man hätte seine Frau besser wertschätzen sollen. Jetzt ist es zu spät.“

Er war der Erste, der ging. Die übrigen folgten rasch. Keine zehn Minuten später war der Saal leer. Zurück blieben Sebastian, seine Mutter und die Administratorin, die die Rechnung ruhig in den Händen hielt.

„Sie haben noch zwanzig Minuten“, sagte sie sachlich. „Danach rufe ich den Sicherheitsdienst.“

Sabine Böhm kramte hastig in ihrer Handtasche und legte ein paar Scheine auf den Tresen. Es reichte nicht. Sebastian durchsuchte seine Taschen, fand Kleingeld und ein paar zerknitterte Scheine. Noch immer fehlte ein erheblicher Betrag. Die Administratorin musterte sie mit kühler Neugier.

„Haben Sie Ihre Frau erreicht?“, fragte sie ruhig und wartete auf eine Antwort.

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