Clara Köhler bemerkte ihre Schwiegermutter früher, als diese sie wahrnahm. Sabine Böhm stand direkt am Eingang des festlich hergerichteten Bankettsaals, zupfte demonstrativ an der goldenen Kette an ihrem Hals und ließ den Blick über die Eintretenden gleiten, als würde sie deren Wert nach Stoff, Schnitt und Marke taxieren. Clara verlangsamte ihren Schritt noch vor der Tür. Diesen Blick kannte sie nur zu gut – kühl, berechnend, so emotionslos wie der eines Pfandleihers. Ihr Kleid war dunkelblau, schlicht, ohne Glanz oder auffällige Details. Genau dasselbe hatte sie zu jedem Anlass in den letzten drei Jahren getragen.
Erst als Clara unmittelbar vor ihr stand, registrierte Sabine Böhm ihre Anwesenheit. Ein kaum merkliches Zucken huschte über ihr Gesicht.
— Ach, Clarachen, für dich ist hier leider kein Platz vorgesehen, — sagte sie laut genug, dass der ganze Saal es hören konnte, mit gespieltem Erstaunen. — Mein Kind, du hast dich wohl in der Tür geirrt, oder? Hier findet ein Empfang für gestandene Leute statt, ein Geschäftsessen. Dein Niveau ist eher die Bahnhofskantine. Geh lieber dorthin. Mach meinem Sohn vor seinen Vorgesetzten keine Schande, sei vernünftig.
Clara erwiderte nichts. Zahlreiche Blicke richteten sich auf sie. Einige Gäste schnaubten belustigt, andere wandten sich peinlich berührt ab. An der langen Tafel, überladen mit Gläsern und Platten voller Häppchen, saß Sebastian Kraus. Er rückte die teure Uhr an seinem Handgelenk zurecht und sah seine Frau an, als wäre sie eine Fremde, die versehentlich hereingeplatzt war.

— Clara, meine Mutter hat recht. Du passt hier einfach nicht hinein. Fahr nach Hause, ja? Ich komme später nach, — sagte er ruhig.
Er erhob sich nicht. Er machte keinen Schritt auf sie zu. Stattdessen winkte er ab, als wolle er Abstand schaffen, und wandte sich sofort wieder den Gästen zu. Zwei Männer in grauen Anzügen beugten sich zueinander, murmelten etwas und grinsten.
Clara drehte sich um und ging. Keine Tränen, keine Erklärungen, keine Fragen. Die Tür fiel hinter ihr sanft ins Schloss, beinahe lautlos.
Draußen peitschte ihr der Wind ins Gesicht. Sie zog ihr Smartphone hervor und öffnete die Banking-App. Sämtliche Firmenkarten liefen über ihr Konto – darauf hatte sie vor fünf Jahren bestanden, als sie Sebastians Schulden beglich und ihn nach seinem geschäftlichen Absturz auffing. Damals klingelten Inkassounternehmen nachts Sturm, Sebastian saß bleich am Küchentisch und flüsterte immer wieder: „Ich habe es vermasselt, alles ist weg.“ Clara verkaufte das Elternhaus auf dem Land und überwies das Geld, ohne zu zögern. Sie führte die Buchhaltung bis tief in die Nacht, verhandelte mit Lieferanten, während er angeblich seine „Reputation neu aufbaute“. Sebastian nutzte die Karten und hielt den Erfolg für seinen eigenen Verdienst.
Eine einzige Bewegung reichte. Die Firmenkarte war gesperrt. Clara sah kurz auf das Display, steckte das Handy zurück in die Tasche. Es war vorbei.
Drinnen im Saal begann sich die Stimmung gerade zu lösen.
