„Genau das ist ein Streik. Und du darfst ihn gern als unbefristet betrachten.“ erwiderte sie ruhig und schob die Eheurkunde in eine Mappe

Diese Entscheidung war mutig und längst überfällig.
Geschichten

— Warum steht kein Abendessen auf dem Tisch, und weshalb hast du nichts eingekauft? — fuhr ihr Mann sie aufgebracht an. — Soll das etwa ein Streik sein?

Stefanie Albrecht stand mitten in der Küche und drehte langsam die Eheurkunde zwischen den Fingern. Zwei Jahre. Gerade einmal zwei Jahre waren vergangen, seit sie und Philipp Otto im Standesamt gestanden und einander ewige Liebe versprochen hatten. Damals hatte sie geglaubt, vor ihnen liege ein ganzes Leben voller Nähe, Glück und gegenseitigem Verständnis.

— Ich frage dich: Warum gibt es nichts zu essen, und warum ist der Kühlschrank leer? — wiederholte Philipp gereizt. — Was soll das werden, ein Aufstand?

Wie üblich war Philipp gegen acht Uhr abends nach Hause gekommen. Er war zweiunddreißig, groß, gepflegt, mit dunklem Haar und braunen Augen. In einer Baufirma arbeitete er als Vertriebsmanager und hielt sich ganz selbstverständlich für den Ernährer der Familie. Stefanie dagegen war Administratorin in einem medizinischen Zentrum — und ihr Gehalt unterschied sich kaum von seinem.

— Ja, Philipp, — erwiderte sie ruhig und schob die Urkunde sorgfältig in eine Mappe. — Genau das ist ein Streik. Und du darfst ihn gern als unbefristet betrachten.

— Was soll dieser UNSINN? — platzte er heraus und ließ seine Aktentasche auf den Boden fallen. — Hast du den Verstand verloren? Eine Ehefrau sorgt dafür, dass ihr Mann abends etwas zu essen bekommt! Das ist DEINE AUFGABE!

Stefanie hob den Blick. Ihre grünen Augen wirkten plötzlich hart. Sie war achtundzwanzig, trug ihr hellbraunes Haar meist zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden, und Schminke lag auf ihrem Gesicht keine Spur — dafür fehlte ihr schlicht die Zeit, weil ihr Alltag von morgens bis abends wie ein Hamsterrad lief.

— Meine Aufgabe? — fragte sie leise, doch in ihrer Stimme lag Stahl. — Und wo bleiben deine Aufgaben, Philipp? Oder hast du etwa KEINE?

— Ich verdiene Geld! — brüllte er. — Ich bin hier der Mann im Haus!

— Ach ja, der Mann, — sagte Stefanie mit einem bitteren Lächeln. — Der Mann, der nicht einmal seinen eigenen Teller abspülen kann? Der seine Kleidung überall in der Wohnung verteilt? Der überzeugt ist, Waschen, Putzen und Kochen seien ausschließlich Frauensache?

— Weil es so ist! — beharrte Philipp. — Mein Vater hat nie Hausarbeit gemacht, mein Großvater ebenso wenig. Dafür sind Frauen da!

— Dein Vater hat in einer anderen Zeit gelebt, — gab Stefanie zurück. — Und deine Mutter war nicht berufstätig, sie war zu Hause. Ich dagegen komme genauso spät von der Arbeit wie du. Manchmal sogar später.

Angefangen hatte alles vor ungefähr einem Monat. Stefanie hatte ihre Freundin Sophie Böhm besucht, die erst vor Kurzem Sebastian Weiß geheiratet hatte. Was sie dort sah, stellte ihre Vorstellung vom Familienleben völlig auf den Kopf. Sebastian stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor, während Sophie nach ihrem Arbeitstag kurz durchatmen durfte. Später deckten sie gemeinsam den Tisch und räumten zusammen wieder ab. Niemand erteilte Befehle, niemand spielte den Vorgesetzten — sie erledigten die Dinge einfach als Paar.

— Bei uns hat sich das irgendwie von selbst so ergeben, — hatte Sophie erklärt, als Sebastian kurz die Küche verließ. — Wir arbeiten beide, wir sind beide müde. Es wäre doch absurd, alles auf eine Person abzuwälzen.

Diese Worte ließen Stefanie nicht mehr los. Warum eigentlich sollte ausgerechnet sie den gesamten Haushalt allein schultern? Sie hatte ebenfalls eine Vollzeitstelle. Sie war ebenfalls erschöpft. Trotzdem begann für sie nach dem Heimkommen die zweite Schicht: kochen, putzen, waschen, bügeln. Philipp hingegen machte es sich auf dem Sofa bequem, scrollte auf seinem Handy herum oder starrte in den Fernseher.

Noch am selben Abend, als sie nach Hause kam, versuchte sie, mit ihm darüber zu reden.

— Philipp, — begann sie vorsichtig und setzte sich neben ihn auf die Couch. — Lass uns die Hausarbeit aufteilen. Ich verstehe, dass du nach der Arbeit kaputt bist, aber mir geht es nicht anders. Vielleicht könnten wir uns abwechseln?

Philipp löste den Blick von seinem Smartphone und sah sie an, als hätte sie etwas vollkommen Abwegiges vorgeschlagen.

— Stefanie, was ist denn plötzlich in dich gefahren? — fragte er. — Was für eine Aufteilung? Ich habe meine Aufgabe: Geld verdienen. Und du hast deine: dafür sorgen, dass zu Hause alles in Ordnung ist. Das ist doch völlig logisch.

— Aber ich arbeite doch auch! — widersprach Stefanie.

— Und? — Philipp zuckte nur mit den Schultern. — Das ist deine private Entscheidung. Wenn du arbeiten willst, arbeitest du. Wenn nicht, bleibst du eben zu Hause. Für den Haushalt bist du zuständig.

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