«Ich hatte Angst» — gestand Lukas heiser vor Gericht

Wie grausam kann ein Mensch nur werden?
Geschichten

Sie war überzeugt, dass dieses Kind niemals erfahren würde, wie nah es daran gewesen war, sein Zuhause zu verlieren. Er würde nicht wissen, dass man über ihn verhandelt hatte, als ginge es um einen Gegenstand, nicht um ein Leben.

Was er jedoch eines Tages begreifen sollte, war etwas anderes: dass seine Mutter nicht aufgegeben hatte.

Etwa vier Wochen später stand Lukas Bergmann plötzlich vor der Tür. Ohne Ankündigung, ohne Anruf. Eines Abends klopfte es einfach.

Julia öffnete. Ihr Sohn lag an ihre Brust geschmiegt in ihrem Arm.

Lukas blieb auf der Schwelle stehen. In den Händen hielt er ein Päckchen mit Babykleidung. Er wirkte ausgezehrt, sein Gesicht schmaler als früher, die Augen gerötet.

„Ich wollte ihn sehen …“, sagte er stockend. „Den Kleinen.“

Julia sagte nichts.

„Darf ich hereinkommen?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Sie trat zur Seite. Lukas zog die Schuhe aus, ging langsam näher und beugte sich vorsichtig über das Baby, als könnte jede falsche Bewegung etwas Zerbrechliches zerstören.

„Er sieht dir ähnlich“, murmelte er mit belegter Stimme.

„Ja.“

Lukas hob die Hand, hielt jedoch inne. Er berührte das Kind nicht, aus Angst, mit einer einzigen Geste alles falsch zu machen.

„Julia … könnte ich manchmal kommen? Irgendwie helfen? Ich weiß, ich habe kein Recht, darum zu bitten, aber—“

Julia schüttelte ruhig den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil du dich bereits entschieden hast“, erwiderte sie gefasst. „In dem Moment, als du dieses Dokument unterschrieben hast, hast du uns nicht gewählt.“

Seine Hand sank herab.

„Ich war schwach. Ich hatte Angst.“

„Das weiß ich“, sagte Julia leise. „Aber Angst ist keine Entschuldigung. Und manches lässt sich nicht rückgängig machen.“

Es erklärte vielleicht etwas. Entschuldigte aber nichts. Zwischen beidem lag ein Unterschied, den er nun spürte.

Lukas Bergmann stand vor ihr, den Blick auf den Boden gerichtet, als drückten ihre Worte schwer auf seine Schultern.

„Ich habe alles verloren“, brachte er heiser hervor.

Julia bewegte den Arm leicht, in dem ihr Sohn lag. Der Kleine gähnte, schmiegte sich enger an sie und schlief weiter – ruhig, geborgen.

„Nein“, antwortete sie sanft. „Du hast nichts verloren. Du hast es hergegeben. Aus freien Stücken. Niemand hat dich gezwungen zu unterschreiben. Niemand hat dich gezwungen, vor Gericht die Unwahrheit zu sagen. Das waren deine Entscheidungen.“

Langsam hob Lukas den Kopf. Seine Augen glänzten, als stünde er kurz davor zu weinen.

„So wollte ich das nicht …“

„Doch“, unterbrach Julia ruhig. „Du hast nur gehofft, dass es niemand merkt. Dass du damit durchkommst.“

Lange schwieg er. Dann nickte er kaum sichtbar.

„Vielleicht hast du recht.“

Julia ging zur Tür und öffnete sie weit.

„Geh jetzt, Lukas.“

Er griff nach dem Paket, das er die ganze Zeit festgehalten hatte, ohne es ihr zu geben, und trat hinaus auf die Veranda.

„Falls du doch einmal etwas brauchen solltest … Geld, Unterstützung … sag Bescheid“, fügte er unsicher hinzu.

„Das wird nicht nötig sein“, entgegnete Julia.

Er nickte ein letztes Mal, ging zum Auto und setzte sich ans Steuer. Doch er fuhr nicht sofort los. Minutenlang starrte er durch die Windschutzscheibe. Schließlich startete er den Motor und verschwand die Straße hinunter.

Julia schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. In ihren Armen atmete ihr Sohn gleichmäßig. Warm. Lebendig. Wirklich.

Sie ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Draußen war es inzwischen vollkommen dunkel. Im Raum brannte nur die Lampe über dem Tisch – jene, die Lukas zwei Jahre zuvor vom Land mitgebracht hatte.

Julia betrachtete sie lange. Dann stand sie auf, schaltete sie aus und zündete eine andere an. Die alte. Die, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Das Licht wurde weicher, wärmer.

Zwei Monate vergingen. Lukas meldete sich nicht. Kein Besuch, kein Anruf. Über Bekannte hörte Julia, dass er seinen Geschäftsanteil verkauft hatte und aus der Stadt verschwunden war. Wohin, wusste niemand.

Julia fragte nicht nach.

An einem frostigen Abend, als ihr Sohn bereits schlief, trat sie in den Hof. Die Luft war eisig, der Schnee knirschte hart unter ihren Schuhen. Sie ging bis zum Tor – zu jenem Tor, das sie einst gemeinsam im Baumarkt ausgesucht hatten.

Die Scharniere waren verrostet. Das Metall quietschte klagend.

Julia stieß das Tor an. Das Geräusch hallte durch die stille Straße.

Sie kehrte ins Haus zurück, holte Werkzeug aus der Abstellkammer und kam wieder hinaus. Ein paar Tropfen Öl auf die Angeln – das Quietschen verstummte.

Noch einen Moment blieb sie stehen, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und blickte den Weg entlang.

Dann drehte sie sich um, ging hinein, schloss die Tür ab. Sie setzte sich neben das Bettchen und sah ihrem Kind beim Schlafen zu.

In diesem Augenblick begriff sie es: Sie hatte es geschafft. Allein. Ohne denjenigen, der eigentlich an ihrer Seite hätte stehen sollen. Und dennoch hatte sie es geschafft.

Das Haus war geblieben. Ihr Sohn war bei ihr. Und das Leben ging weiter.

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