Matthias Braun ließ sich durch Lukas’ sichtbare Reaktion nicht beirren. Ruhig, beinahe sachlich, wandte er sich an das Gericht.
„Hohes Gericht“, begann er mit fester Stimme, „ich arbeite seit drei Jahrzehnten in diesem Lager. Jede einzelne Lieferung wird von mir persönlich erfasst, handschriftlich und lückenlos. In diesen Heften hier sind Vorgänge dokumentiert, die belegen, in welche Machenschaften Lukas Bergmann hineingezogen wurde.“
Er öffnete die Mappe, zog mehrere Ordner und lose Blätter hervor und legte sie geordnet nebeneinander.
„Das ist der Vertrag, den er mit Erik Koch geschlossen hat“, fuhr Braun fort. „Darin ausdrücklich festgehalten: die Scheidung sowie die Beleihung des Hauses als Voraussetzung. Und hier befinden sich die Fracht- und Lieferpapiere, deren Beträge nachweislich manipuliert wurden.“
Der Richter nahm die Unterlagen entgegen und begann, Seite um Seite durchzugehen. Kaum hatte er die ersten Zeilen überflogen, sprang Lukas’ Anwalt auf.
„Einspruch, Hohes Gericht! Diese Dokumente wurden illegal beschafft!“
Matthias Braun blieb ruhig. „Ich bin dort angestellt“, entgegnete er gelassen. „Ich habe regulären Zugang zu sämtlichen Räumen. Nichts wurde entwendet. Es handelt sich ausschließlich um Kopien.“
Eine gespannte Stille legte sich über den Saal. Kein Rascheln, kein Husten – alle Blicke hafteten am Gesicht des Richters, während er weiterlas und sich Notizen machte.
Schließlich hob er den Kopf und sah Lukas Bergmann direkt an.
„Herr Bergmann“, fragte er ruhig, „bestätigen Sie, dass es sich bei dieser Unterschrift um die Ihre handelt?“
Lukas reagierte nicht sofort. Seine Hände krallten sich in die Tischkante, die Haut seines Gesichts wirkte fahl, seine Lippen presste er so fest zusammen, dass sie fast farblos wurden.
„Ich erwarte eine Antwort“, sagte der Richter nun deutlich schärfer.
Sekunden verstrichen, schwer und quälend. Dann nickte Lukas kaum merklich.
„Ja“, murmelte er. „Das ist meine Unterschrift.“
Ein eisiges Schweigen senkte sich über den Raum. Selbst das entfernte Geräusch vorbeifahrender Autos drang klar durch die Fenster.
„Warum?“, fragte der Richter weiter.
Lukas hob den Blick. Zuerst traf er Matthias Braun, dann Julia Walter.
„Ich hatte Angst“, brachte er heiser hervor. „Angst, alles zu verlieren. Erik hat mir gedroht. Er sagte, er zerstört mich, wenn ich nicht zustimme. Das Unternehmen, das ich von meinem Vater übernommen habe … alles wäre weg gewesen. Ich konnte nicht mehr standhalten. Ich bin eingebrochen.“
Er schwieg kurz und fügte leiser hinzu: „Ich dachte, ich könnte es später irgendwie rückgängig machen. Aber dazu kam es nie.“
Julia beobachtete ihn reglos. Dieser Mann war bereit gewesen, sie hochschwanger aus dem Haus zu drängen, nur um sich selbst zu retten. Und nun saß er hier und rechtfertigte sich.
Der Richter schob die Akten beiseite.
„Das Gericht kommt zu folgendem Urteil“, sagte er nüchtern. „Die Immobilie sowie der Geschäftsanteil verbleiben vollständig im Eigentum von Julia Walter. Lukas Bergmann verliert aufgrund nachgewiesenen betrügerischen Handelns sämtliche Ansprüche auf das gemeinsam erworbene Vermögen. Die Unterlagen im Fall Erik Koch werden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.“
Der Hammer fiel.
Lukas blieb wie erstarrt sitzen. Sein Anwalt packte hastig die Unterlagen zusammen. Matthias Braun nickte Julia stumm zu und verließ den Saal.
Julia erhob sich. Ihre Knie zitterten, doch sie hielt den Rücken gerade, als sie Richtung Ausgang ging. Lukas sah ihr nach und versuchte, ihren Blick zu finden.
„Julia …“, sagte er leise.
Sie blieb nicht stehen.
Eine Woche später leitete die Staatsanwaltschaft offiziell Ermittlungen gegen Erik Koch ein. Schnell wurde deutlich, dass das Netzwerk aus gefälschten Lieferpapieren kein Einzelfall gewesen war. Über zehn ähnliche Fälle kamen ans Licht. Neben Lukas waren vier weitere Unternehmer geschädigt worden. Sie alle hatten geschwiegen – bis Matthias Braun seine Aufzeichnungen vorgelegt hatte.
Erik Koch wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, verbunden mit vollständigem Vermögenseinzug. Zwei Tage nach dem Urteil reichte seine Ehefrau die Scheidung ein.
Noch in derselben Nacht rief Lukas Julia an. Seine Stimme klang ausgelaugt, als hätte er seit Tagen kein Auge zugetan.
„Hast du es gehört?“
„Ja.“
„Ich bin frei. Von ihm … von den Schulden … von allem.“
Julia schwieg. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben.
„Darf ich zu dir kommen? Wir könnten reden.“
„Nein“, sagte sie schlicht.
„Julia, ich werde alles wieder in Ordnung bringen. Ich weiß jetzt, was ich getan habe. Gib mir noch eine Chance.“
Sie schloss die Augen.
„Du hast es nicht verstanden, Lukas. Du hast nur Angst um dich selbst gehabt. Das ist etwas anderes.“
Die Leitung blieb still, dann wurde das Gespräch beendet.
Ende Oktober brachte Julia ihren Sohn zur Welt. Ein kräftiges Kind mit lauter Stimme. Ihre Schwester holte sie aus dem Krankenhaus ab – zurück in das Haus, das sie beinahe verloren hätte.
Auf der Treppe blieb sie stehen, das Baby im Arm. Der Herbst hatte den Hof in Rot- und Gelbtöne getaucht, Blätter bedeckten den Weg, den sie vor Jahren gemeinsam mit Lukas angelegt hatten.
Drinnen legte sie den Kleinen in sein Bettchen. Er atmete ruhig, die winzigen Fäuste fest geschlossen.
Julia setzte sich daneben und betrachtete ihn. Dabei dachte sie daran, was er eines Tages wissen sollte.
