«Ich hatte Angst» — gestand Lukas heiser vor Gericht

Wie grausam kann ein Mensch nur werden?
Geschichten

— Ich brauche dringend Ihre Unterstützung.

Matthias Braun ließ den Blick über Julias gerundeten Bauch gleiten, dann sah er ihr ins Gesicht. Einen Moment sagte er nichts, schließlich nickte er langsam, als hätte er innerlich bereits eine Entscheidung getroffen.

— Kommen Sie, folgen Sie mir.

Gemeinsam gingen sie vom Hof weg, hinein in den hinteren Teil des Gebäudekomplexes. Der Lärm der Lastwagen und Stimmen blieb zurück, je weiter sie sich entfernten. Hinter einer schweren Tür lag ein schmaler, halbdunkler Raum, abgeschieden vom Rest des Betriebs. Es war, als beginne genau hier das Gespräch, an das Julia sich klammerte wie an ihre letzte Chance.

Matthias führte sie in seine kleine Kammer direkt neben der Lagerhalle. Der Raum war kaum größer als ein Abstellzimmer. In der Luft hing der beißende Geruch von Schmieröl, vermischt mit dem trockenen Aroma alter Akten und vergilbten Papiers. Er rückte ihr den einzigen Stuhl zurecht und bedeutete ihr, sich zu setzen. Selbst lehnte er sich gegen die massive Tischplatte, die Hände aufgestützt, als brauche er diesen Halt, um auszusprechen, was ihn seit Jahren begleitete.

— Ich höre Ihnen zu — sagte er knapp.

Julia begann zu erzählen. Sie schilderte das laufende Gerichtsverfahren, sprach von den merkwürdigen ärztlichen Bescheinigungen und davon, wie fremd ihr Lukas Bergmann geworden war, seit er diese Reise aufs Land unternommen hatte. Sie berichtete von seiner Kälte, von den Andeutungen, von der unerklärlichen Hast, mit der er sie aus dem Haus gedrängt hatte. Matthias unterbrach sie nicht ein einziges Mal. Sein Gesicht wirkte angespannt, beinahe hart. Als Julia schließlich verstummte, atmete er tief aus, als falle eine jahrelang getragene Last von seinen Schultern.

— Erik — sagte er leise.

— Wer? — fragte Julia irritiert.

— Erik Koch. Ein Aufkäufer aus der Provinz. Glatt wie eine Schlange. Mit Lukas’ Vater lag er schon vor Jahrzehnten im Streit. Der Alte ließ ihn damals nicht in die Lager, verweigerte ihm den Zugang und unterschrieb keine gefälschten Unterlagen. Erik hat das nie vergessen. Er wartete nur auf seine Gelegenheit. Als Lukas später mit ihm ins Geschäft kommen wollte, schnappte die Falle sofort zu.

— Womit hat er ihn erpresst? — Julias Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Matthias zog eine Schublade auf und holte ein abgenutztes Notizbuch hervor, dessen Wachseinband an den Kanten aufgeplatzt war.

— Ich halte alles schriftlich fest. Schon immer. Computer stürzen ab, Dateien verschwinden — Papier bleibt. Sehen Sie selbst.

Er schlug eine Seite auf, dicht beschrieben mit kleiner, sauberer Handschrift.

— Das sind die Lieferungen des letzten Jahres. Die Ware kommt zu einem Preis an, in den Unterlagen taucht aber ein anderer Betrag auf. Die Differenz landet bei Erik Koch. Lukas hatte keine Wahl. Man stellte ihn vor die Entscheidung: mitmachen oder untergehen.

— Und warum musste ich das Haus verlassen? — fragte Julia leise.

Matthias blätterte weiter, dann deutete er auf eine Notiz am unteren Rand.

— Genau hier. Erik verlangte die Scheidung und die Umschreibung des Hauses auf Lukas als Sicherheit. Eine Garantie dafür, dass er nicht aussteigt. Und Lukas wurde eingeschärft: Falls seine Frau etwas merkt oder Fragen stellt, wird Anzeige erstattet. Also hielt er es für besser, Sie aus dem Weg zu schaffen.

Julia schwieg. In ihrem Kopf fügten sich die einzelnen Bruchstücke zusammen. Lukas’ Abweisung. Sein Satz über einen „Fehler“. Die gefälschten Atteste. Es war kein Verrat aus Berechnung gewesen — es war der Zusammenbruch eines Menschen unter Druck.

— Gibt es dafür Beweise? — fragte sie schließlich.

Matthias nickte ohne Zögern.

— Ja. Ich habe eine Kopie des Vertrags aus Eriks Büro besorgt. Lukas’ Unterschrift ist drauf, mit allen Bedingungen.

Er zog ein gefaltetes Blatt hervor. Julia strich es glatt, begann zu lesen, und spürte, wie sich eine eisige Leere in ihr ausbreitete.

„…verpflichte mich, die gemeinsam genutzte Wohnimmobilie bis zum Abschluss des Verfahrens zu räumen. Bei Nichterfüllung verdoppelt sich die bestehende Forderung.“

Darunter stand Lukas’ Handschrift. Klar, entschlossen — so vertraut.

— Er hat wirklich unterschrieben … — hauchte sie.

— Ja. Er hatte Angst. Erik versteht es, Menschen zu brechen. Er prahlt sogar damit, wen er alles ruiniert hat, welche Familien an ihm zerbrochen sind. Lukas gab nach.

Julia faltete das Dokument sorgfältig zusammen.

— Werden Sie vor Gericht erscheinen? Als Zeuge aussagen? — fragte sie.

Matthias sah sie lange an, dann nickte er langsam.

— Ich komme. Lukas’ Vater war ein anständiger Mann. Er hat mich einmal vor der Kündigung bewahrt, obwohl er es nicht musste. Diese Schuld begleiche ich. Nicht seinem Sohn gegenüber — sondern seinem Andenken.

Die Schlussverhandlung begann um zehn Uhr morgens. Julia saß wieder auf demselben Platz wie zuvor. Ihr gegenüber hatte Lukas neben seinem Anwalt Platz genommen. Er wirkte ruhig, beinahe selbstsicher, als rechne er fest mit einem Sieg.

Der Richter begann mit monotoner Stimme, das Urteil zu verlesen. Julia hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie wartete.

— Hat die Beklagte vor der Urteilsverkündung noch etwas hinzuzufügen? — fragte der Richter routiniert.

Julia erhob sich.

— Ja. Ich möchte einen Zeugen benennen und Unterlagen vorlegen.

Der Anwalt von Lukas hob abrupt den Kopf, Lukas’ Stirn zog sich zusammen.

Die Tür öffnete sich. Matthias Braun trat ein, eine Mappe unter dem Arm. Bedächtig ging er nach vorn und legte sie vor dem Richter auf den Tisch.

Lukas’ Gesicht verlor schlagartig an Farbe, als hätte ihn ein unerwarteter Schlag getroffen.

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