Der Anwalt schloss den Aktenordner mit einem leisen Klick und warf Lukas Bergmann einen selbstzufriedenen Blick zu, begleitet von einem schmalen, kalkulierten Lächeln. Lukas erwiderte die Geste kaum merklich, senkte kurz den Kopf und sah dann zu Julia Walter hinüber. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, das nichts Warmes an sich hatte – kurz, kühl, von oben herab.
Julia kannte diesen Blick nur zu gut. Er bedeutete: Ich habe gewonnen. Du hast verloren. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Der Richter blätterte währenddessen ruhig durch die Unterlagen, als handle es sich um eine Formsache ohne Gewicht.
Julia saß auf einem harten Stuhl, der ihr im Rücken schmerzte. Sie war im achten Monat schwanger, jeder Atemzug zog, jede Bewegung tat weh. Das Kind regte sich in ihrem Bauch, als wolle es fragen, warum die Welt draußen plötzlich so feindselig war.
— Hat die Beklagte Einwände gegen die vorgelegten Nachweise? — fragte der Richter und hob den Blick.

Julias Augen senkten sich auf den Tisch. Vor ihr lagen ausgedruckte Kontoauszüge, ordentlich gestapelt. Unten eine Unterschrift. Ihre Unterschrift. Zumindest dem Papier nach. Diese Dokumente hatte sie jedoch noch nie zuvor gesehen.
— Sie sind gefälscht — sagte sie leise.
Der Anwalt von Lukas seufzte übertrieben, wie ein Lehrer, der zum hundertsten Mal dieselbe absurde Ausrede hören muss.
— Hohes Gericht, die Beklagte bestreitet offensichtliche Tatsachen. Die Signaturen wurden von der Bank bestätigt, die Konten existieren. Die Geldbewegungen erfolgten regelmäßig über einen Zeitraum von zwölf Monaten.
Lukas lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust. Er wirkte entspannt, beinahe zufrieden – wie jemand, der den Preis bereits überreicht bekommen hat.
Julia sah ihn an und erkannte ihn nicht wieder. War das derselbe Mann, der vor einem Jahr in Tränen ausgebrochen war, als der Schwangerschaftstest zwei Streifen zeigte? Der nachts ihre Hand auf ihren Bauch gelegt und geflüstert hatte, dass alles gut werden müsse?
— Herr Bergmann — wandte sich der Richter direkt an ihn —, bleiben Sie bei Ihrer Forderung, dass die Immobilie in Ihrem Besitz verbleibt?
— Ja — antwortete Lukas ohne Zögern. — Ich habe sie aufgebaut. Ich habe investiert. Sie hat nur Geld ausgegeben.
Julias Hände ballten sich. Sie wollte schreien, dass sie sechs Tage die Woche gearbeitet hatte, zwölf Stunden täglich in seiner verdammten Küche stand, während er seine Lagerhallen eröffnete. Doch ihr Hals schnürte sich zu, kein Laut kam heraus.
Der Richter schob die Akten beiseite.
— Die Verhandlung wird für drei Tage vertagt. Beklagte, sollten Sie weitere Beweise vorlegen wollen, bereiten Sie diese bitte vor.
Als Julia das Gerichtsgebäude verließ, holte Lukas sie auf den Stufen ein.
— Gib mir die Hausschlüssel — sagte er nüchtern.
Julia drehte sich um.
— Bitte was?
— Die Schlüssel. Das Haus gehört mir. In drei Tagen ist es auch offiziell, aber das Ergebnis steht längst fest.
Er streckte die Hand aus und wartete.
Julia klammerte sich an das Geländer. Unten rauschte der Verkehr, Menschen gingen vorbei, niemand schenkte ihnen Beachtung.
— Wie kannst du das tun? — fragte sie leise. — Wie kannst du deine schwangere Ehefrau auf die Straße setzen?
Lukas ließ die Hand sinken.
— Du bist nicht mehr meine Frau. Ich habe dich geheiratet, weil ich dachte, du wärst anders. Aber du bist wie alle anderen.
Er drehte sich um und ging.
Julia blieb noch einen Moment stehen, dann stieg sie langsam die Stufen hinab und ging zur Bushaltestelle.
Ihre Schwester öffnete die Tür, sah Julias Gesicht und nahm sie wortlos in den Arm.
— Hat er gewonnen? — fragte sie gedämpft.
— Fast.
Julia setzte sich in der Küche an den Tisch. Ihre Schwester stellte ein Glas Wasser vor sie.
— Julia, das kann er nicht allein eingefädelt haben. Da steckt jemand dahinter. Jemand, der die Fäden zieht.
— Es spielt keine Rolle — schüttelte Julia den Kopf. — Er hat zugestimmt.
Die Schwester setzte sich ihr gegenüber.
— Doch, das tut es. Wenn es jemanden im Hintergrund gibt, dann gibt es auch eine Spur. Und Spuren lassen sich finden.
Julia lächelte bitter.
— Ich bin keine Ermittlerin. Ich habe kein Geld für Anwälte. Ich habe nichts.
— Aber du hast drei Tage Zeit.
Am nächsten Morgen machte sich Julia auf den Weg zu Lukas’ größtem Lager. Dem ersten, das sie vor fünf Jahren gemeinsam aufgebaut hatten. Sie erinnerte sich an die Mitarbeiter, an ihre Gesichter, daran, wie sie ihnen an Feiertagen selbstgebackenen Kuchen gebracht hatte.
Am Eingang hielt der Wachmann sie auf.
— Frau Walter? Sie dürfen nicht hinein. Lukas hat es untersagt.
— Ich möchte mit Matthias Braun sprechen.
Der Mann zögerte.
— Er isst zu Mittag. Hinten, im Nebenraum.
— Dann warte ich.
Der Wachmann nickte und trat beiseite. Julia ging in den Hof, setzte sich auf eine Bank neben dem Verwaltungsgebäude. Ihr Bauch schmerzte, ihre Beine waren geschwollen, doch sie rührte sich nicht und wartete.
Nach etwa zwanzig Minuten erschien Matthias Braun. Er trug abgenutzte Arbeitskleidung, in der Hand eine Thermoskanne. Als er Julia sah, blieb er stehen.
— Frau Walter? Was machen Sie denn hier?
Julia erhob sich mühsam.
— Ich brauche Ihre Hilfe, und ich hoffe, Sie hören mir einen Moment lang zu.
