Er selbst. Er hat gesehen, wie sie dich vor allen klein gemacht hat. Er hat jedes Wort gehört. Und trotzdem hat er sich für sie entschieden.
„Aber …“
„Kein Aber, mein Kind. Er hat gewählt. Mitten auf deiner Hochzeit. Vor hundert Gästen. Das ist kein Ausrutscher. Das ist eine klare Entscheidung.“
Die Tränen liefen mir ungehemmt über das Gesicht.
„Was soll ich jetzt tun, Papa?“
Er sah mich lange an.
„Was möchtest du tun?“
„Ich weiß es nicht.“
„Liebe allein trägt keine Beziehung, Katharina“, sagte er leise. „Es braucht Respekt. Und Mut. Daniel liebt dich, davon bin ich überzeugt. Aber er hatte nicht den Mut, dich zu schützen. Und ohne diesen Mut reicht Liebe nicht.“
Um zwei Uhr nachts vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Daniel:
„Katharina, es tut mir leid. Meine Mutter hatte eine Panikattacke. Ich musste sie nach Hause bringen. Morgen komme ich zurück, dann reden wir.“
Ich antwortete nur:
„Nein, Daniel. Heute hast du dich entschieden. Für deine Mutter. Leb damit.“
Danach blockierte ich seine Nummer.
Drei Monate vergingen.
Die Scheidung war schnell erledigt. Daniel erschien nicht vor Gericht. Er schickte einen Anwalt. Der sagte sachlich: „Mein Mandant bereut alles. Er bittet um eine zweite Chance.“
Der Richter wandte sich an mich: „Möchten Sie diese zweite Chance gewähren?“
Ich sagte ruhig: „Nein.“
Damit war es vorbei.
Heute sitze ich im Café „Zur Goldenen Gans“, der ehemaligen Gaststube meines Vaters. Nach der Hochzeit hatte er sie umbenannt. „Ein Neuanfang“, hatte er gesagt.
Ich trinke Cappuccino, lese ein Buch. Draußen gehen Paare vorbei, Hand in Hand. Ich beobachte sie – und lächle.
Eines Tages werde ich dort wieder stehen. Mit jemand anderem. Mit jemandem, der bleibt.
Mein Handy summt. Eine Nachricht von Daniel. Von einer fremden Nummer – weil ich ihn blockiert habe:
„Katharina, bitte. Vergib mir. Ich habe alles falsch gemacht. Ich habe mich von meiner Mutter distanziert, wir haben keinen Kontakt mehr. Bitte gib mir noch eine Chance.“
Ich lese die Worte. Und lösche sie.
Denn mein Vater hatte recht. Was auf der Hochzeit passiert ist, war kein Fehler. Es war eine bewusste Wahl.
Und ich verdiene einen Mann, der sich für mich entscheidet. Immer. Ohne Zögern. Beim ersten Mal.
Nicht jemanden, der zuerst seine Mutter wählt – und es später bereut.
Mein Vater kommt zu mir an den Tisch und setzt sich.
„Wie geht es dir, Katharina?“
„Gut, Papa. Wirklich gut.“
„Hat er dir geschrieben?“
„Ja. Ich habe es gelöscht.“
Er lächelt stolz.
„Ich bin stolz auf dich.“
„Warum?“
„Weil du weißt, was du wert bist. Und weil du dich davon nicht abbringen lässt.“
Ich nehme seine Hand.
„Danke, Papa. Für alles. Für diese Hochzeit. Für das, was du getan hast.“
Er winkt ab.
„Das war nichts.“
„Doch. Du hast meinen Bräutigam von meiner Hochzeit hinausgeworfen. In deinem Restaurant. Vor hundert Leuten.“
„Ich habe jemanden hinausgeworfen, der dich nicht respektiert hat“, korrigierte er ruhig. „Dass es dein Bräutigam war, ist nebensächlich.“
Ich lache. Und weine zugleich.
„Was mache ich jetzt, Papa?“
„Du lebst. Du wirst jemanden kennenlernen, der aufsteht. Der sagt: ‚Stopp.‘ Der sich für dich entscheidet. Ohne Zögern.“
„Und wenn nicht?“
„Doch. Weil du Wert hast, Katharina. Und der richtige Mann wird das sehen.“
Draußen beginnt es zu schneien. Der erste Schnee des Jahres.
Ich schaue aus dem Fenster. Auf der Straße sehe ich ein Paar. Der Mann legt seinen Mantel um ihre Schultern, schützt sie vor den Flocken. Beide lachen.
Das will ich. Das verdiene ich.
Keinen Mann, der seine Hochzeit verlässt – mit seiner Mutter.
Sondern einen Mann, der für mich alles andere stehen lässt.
Mein Vater hat mir gezeigt, wie Schutz aussieht.
Und jetzt weiß ich, wonach ich suche.
Und was ich nie wieder akzeptieren werde.
